Der Rote Hans aus der Busfahrer-Dynastie macht bei Infineon Karriere

Johann Dechant fährt in seiner Freizeit auch mal Pilger nach Rom, zuletzt zur Beerdigung von Papst Benedikt. Bei Infineon dreht er ein großes Rad – jetzt spricht er als Konzernbetriebsratschef für 16.000 Mitarbeiter weltweit.
Beim Chiphersteller Infineon im Regensburger Stadtwesten brummt es. Chips und Sensoren sind gefragt wie nie. Das Unternehmen mit weltweit 16.000 Mitarbeitern ist so erfolgreich, dass nun mit Unterstützung der Chefetage ein Konzernbetriebsrat gegründet wurde. Johann Dechant wurde zum Vorsitzenden gewählt. Der Regenstaufer, der in seiner Freizeit zuletzt Pilger zur Beerdigung von Benedikt XVI. nach Rom gefahren haben, erzählt, wo die Herausforderungen liegen.
Wie kam es zur Gründung eines Konzernbetriebsrates?
Johann Dechant: Wir wollen auch die Mitarbeitenden anderer Standorte in die Mitbestimmung einbinden und haben deshalb einen Konzernbetriebsrat gegründet. Dadurch können wir rechtliche Regelungen schaffen, die einheitlich auch bei den Tochterunternehmen gelten. Begleitet hat das Jürgen Scholz von der IG Metall Regensburg sowie Christian Stadtmüller, der Arbeitsrechtler bei Infineon ist.
Sie sitzen auch im Aufsichtsrat und sind bei wichtigen Entscheidungen des Unternehmens beteiligt. Wie weit geht die Mitbestimmung?
Dechant: Das 16-köpfige Gremium trifft auch Entscheidungen für große Investitionen wie jetzt im Werk in Dresden. Als Arbeitnehmervertreter im AR liegen uns Investitionen in die europäischen Standorte natürlich besonders am Herzen. Dabei gibt uns die geopolitische Lage, so schlimm sie auch ist, derzeit Rückenwind.
Wie schwierig ist der Markt gerade derzeit für die Infineon-Produkte?
Dechant: Sehr unterschiedlich. Infineon profitiert stark von den Trends Dekarbonisierung und Digitalisierung. Das sind beispielsweise Produkte, die in Elektromobilität, sowie erneuerbare Energieerzeugung und Energieinfrastruktur verbaut werden. Bei uns in Regensburg ist die Auslastung aktuell unterschiedlich.
Derzeit beschäftigt viele Arbeitnehmer das Thema Künstliche Intelligenz. Kommen Mitarbeiter auch aus den Ingenieursetagen zu Ihnen mit Sorgen und Ängsten?
Dechant: Weniger mit Sorgen und Ängsten, die Mitarbeitenden haben aktuell eher Fragen dazu, wie künftig mit Daten und Anwendungen im Hinblick auf KI umgegangen wird. Wir haben erst kürzlich eine Gesamtbetriebsvereinbarung abgeschlossen zum verantwortlichen und transparenten Umgang mit KI. Infineon hat sich dabei verpflichtet, die Regeln anzuwenden, die derzeit auf Ebene der Europäischen Union diskutiert werden. Sowohl bei der Anwendung im Betrieb, aber auch bei den Produkten, die von Infineon produziert werden, orientiert man sich da an den geplanten EU-Regelungen.
Wie wurden Sie Betriebsrat?
Dechant: Ich habe 1980 noch bei Siemens eine Ausbildung hier am Standort zum Feingeräteelektroniker gemacht. Danach habe ich in der Waferfertigung gearbeitet, die damals neu nach Regensburg kam. 1984 wurden viele Arbeitsplätze wegverlagert. Der damalige Betriebsrat hat sich auf die Hinterbeine gestellt für den Standort und hat einen Grundsatzbeschluss gefasst, dass am Standort sieben Tage die Woche rund um die Uhr gearbeitet werden durfte. Das führte zur Ansiedlung der heutigen Mikrochipfertigung. 1990 wurde ich in den Betriebsrat gewählt. 1994 wurde ich zum freigestellten Betriebsrat gewählt und 2015 zum BR-Vorsitzenden.
Welchen Standortvorteil hat Regensburg?
Dechant: Das sind die qualifizierten und verfügbaren Arbeitskräfte, die bei uns angelernt und ausgebildet werden. Dazu gehören auch die Absolventen, die wir von der OTH und der Uni bekommen. Ehemalige Beschäftigte von uns sind dort zwischenzeitlich auch als Professoren tätig. Wichtig ist auch, dass wir Betriebe wie BMW, Continental, Osram und Krones hier haben, weil das mit einer hoch qualifizierten und breiten Ausbildung auf dem Arbeitsmarkt einhergeht. Zudem ist Regensburg natürlich für Menschen von außerhalb interessant, weil die Stadt viel zu bieten hat. Bei uns am Standort arbeiten Menschen 44 unterschiedlicher Nationalitäten. Regensburg ist einfach eine sehr bunte, tolerante und attraktive Region. Wir können hier arbeiten, wo andere Urlaub machen.
Viele Menschen haben aber auch Angst, dass es eine Deindustrialisierung gibt. Müssen wir Angst haben vor China?
Dechant: Wir brauchen uns keine Angst vor China machen. Wo wir aber aufpassen müssen, sind die Lieferketten. Diese Abhängigkeit ist schwierig. Die Bedeutung der Halbleiterindustrie hat Gott sei Dank auch die Politik erkannt.
Weltwirtschaft einerseits, als Busfahrer Pilger nach Rom zu fahren andererseits: Wo fühlen Sie sich mehr verwurzelt?
Dechant: Der Vater hat das Familienunternehmen aufgebaut und mein Bruder führt es jetzt erfolgreich fort. Ich bin schon immer sehr gerne Bus gefahren. Ich mochte es, meine Freizeittätigkeit mit Infineon zu kombinieren: Wir haben in den 1990er Jahren den ein oder anderen Ausflug mit Kolleginnen und Kollegen organisiert. London, Rom und Paris: Das waren schöne Ziele. Das machte Spaß. Aber mein Herzblut habe ich schon hier bei Infineon. Die Fahrt nach Rom zur Beerdigung von Papst Benedikt war aber natürlich für mich etwas ganz Besonderes. Solche Busfahrten sind aber mittlerweile zur Ausnahme geworden.
Sie sind sehr lokal verwurzelt, waren zweiter Bürgermeister in Regenstauf und stellvertretender Landrat. Wie herausfordernd ist das?
Dechant: Ich bin immer noch aktiv, aber ich habe mich 2019 ganz klar für Infineon entschieden. Wir haben damals im BR einen Interessensausgleich mit dem Thema Automatisierung und somit zur Zukunftssicherung von Infineon Regensburg verhandelt. Damals habe ich mich entschieden, nur noch als einfaches Gemeinderatsmitglied in Regenstauf kommunalpolitisch mitzuarbeiten.
Kann man als Konzernbetriebsratsvorsitzender mehr bewirken als in der Politik?
Dechant: Über die Mitarbeit im Dax-40-Kreis der Konzernbetriebsräte hat man einen regelmäßigen Austausch mit Vertretern der Bundesregierung.
Sie müssen sich dafür einsetzen, dass die Mitarbeiter gute Arbeitsbedingungen haben. Viele Ältere wollten viel arbeiten. Von der jüngeren Generation hört man, dass sie am liebsten nur noch vier Tage arbeiten würden.
Dechant: Ich empfinde auch die jüngeren Kolleginnen und Kollegen als sehr engagiert, auch die „junge Generation“ will viel und engagiert arbeiten. Was aber bei allen Beschäftigten mehr in den Vordergrund tritt, ist das Thema Work-Life-Balance. Wie gehe ich mit meiner Zeit um? Wie gehe ich damit um, wenn ich meine Eltern pflegen muss oder Kinder habe? Die Lebenszeit wird wichtiger. Uns geht es allen relativ gut. Wenn ich aber jeden Cent, den ich verdiene, zum Leben brauche, dann kann ich nicht überlegen, ob ich Entgelt in Zeit umwandeln kann, wie wir es hier unter bestimmten Bedingungen praktizieren.
Haben Sie nicht den Eindruck einer Zwei-Klassen-Gesellschaft? Während BMW-Mitarbeiter einmal im Jahr eine große Summe Gewinnbeteiligung bekommen, leben Kaufhof-Verkäufer von 2500 Euro brutto.
Dechant: Die IG Metall war schon immer eine starke Gewerkschaft, hat andere Bereiche mitgezogen. Die IG Metall hat eine sehr positive Vorreiterrolle. Natürlich muss mehr passieren, damit die Menschen in einer Stadt wie Regensburg auch ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Man sieht das auch beim Tarifabschluss im Öffentlichen Dienst. Aber ich bin da zuversichtlich. Ich sehe es auch bei den Busfahrern (lacht): Wenn man keine mehr findet, dann muss man die Bedingungen verbessern und sie besser bezahlen.
Interview: Christian Eckl