Ein „Horror-Raum“ im Neumarkter Klinikum
Finde den Fehler – so lautet ein beliebtes Bilderrätsel. In einem Krankenhaus kann ein Fehler über Leben und Tod entscheiden. Für die Sicherheit ihrer Patienten haben sich im Klinikum Neumarkt Pflegekräfte, Physiotherapeuten und Ärzte in den „Room of Horrors“ getraut.
Auf den ersten Blick sieht dieser Raum der Schrecken überhaupt nicht schrecklich aus: Zwei Puppen liegen friedlich in ihrem Krankenbett, umgeben von Infusionsständer, Patientenakte und einem Teller mit dem vertrauten Plastikdeckel drüber. Doch da verbirgt sich schon die erste Gefahr: Denn Patient 1 soll in den nächsten Stunden operiert werden und darf deshalb auf keinen Fall vorher etwas essen.
Anlässlich des Welttags der Patientensicherheit am 17. September hat das Klinikum Neumarkt seine Mitarbeiter dazu eingeladen, ihren Blick zu schärfen. Zwei Wochen lang konnten sie sich unter der Anleitung von Antonia Maier, die für den Bereich Risikomanagement verantwortlich ist, freiwillig diesem Training unterziehen. Mit der Resonanz von rund 60 Personen und gut 20 Berufsschülern ist Antonia Maier zur Premiere der Aktion sehr zufrieden. Nach der Auswertung bekommt jedes Mitglied des Siegerteams Einkaufsgutscheine im Wert von 40 Euro als kleines Dankeschön.
Ärzte und Pfleger im Test
Allein, zu zweit oder zu dritt betreten die Teilnehmer das vorbereitete Patientenzimmer. Innerhalb von 20 Minuten müssen sie sowohl den Patienten als auch die medizinischen Unterlagen überprüfen, ob alles seine Richtigkeit hat und Fehler notieren. Nicht nur Pflegekräfte haben sich diesem Test unterzogen, sondern auch Oberärzte, Physiotherapeuten und ein Team der Palliativstation.
Antonia Maier hat zusammen mit Bereichsleiter Ingo Ruckdeschel vier Szenarien auf Basis echter Patientenakten zusammengestellt, damit sie möglichst realistisch sind. „Die Situationen sind nicht aus der Luft gegriffen“, sagt Maier. Denn immer wieder höre man davon, dass aus Unachtsamkeit das falsche Knie operiert wurde. „So etwas darf nicht passieren!“ „Noch schwieriger wird es, wenn ein Patient sich nicht mehr selbst äußern kann“, ergänzt Oliver Schwindl, der unter anderem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.
Der Bereich Risikomanagement ist nicht neu am Klinikum Neumarkt, aber so eine Aktion gab es bisher noch nicht. „Wir wollen den Patienten in den Mittelpunkt rücken und dafür sensibilisieren, dass überall Risiken für den Patienten lauern können.“
Sophia Obermeier, Teamleiterin Anna Peric und Kristina Salzer von der Station 6A machen ihren Job nicht erst seit gestern. Das wird schon nach zwei Minuten deutlich: Routiniert suchen sie die Puppe ab, schauen unter das OP-Hemd, untersuchen Infusion, Sauerstoffmaske, heben die Matratze an, überprüfen Namen und Geburtsdatum, vergleichen die Medikation in der Akte mit den Tabletten auf dem Nachtkästchen. Ihnen fällt so viel auf, dass der Platz auf dem Fragebogen nicht ausreicht.
„Es ist nicht schwer, wenn man selber Struktur hat und auch im Team auf Struktur und Ordnung achtet.“Kristina Salzer, Krankenschwester und Praxisanleiterin
Die drei jungen Frauen sind ein eingespieltes Team. Sie wissen auswendig, über welche Ausstattung ein Schrank in einem Isolierzimmer verfügen muss. „Wir sind generell schon sehr pingelig, aber so ein Training öffnet einem noch mehr die Augen“, sagt Anna Peric. „Es ist nicht schwer, wenn man selber Struktur hat und auch im Team auf Struktur und Ordnung achtet“, ergänzt Kristina Salzer. Das bringe die Erfahrung mit sich. Trotzdem findet sie so ein Training im „Room of Horrors“ sehr gut. Sie fungiert als Praxisanleiterin und erklärt damit Schülern oder neuen Pflegekräften auf ihrer Station die Arbeitsabläufe.
„Scills Lab“ für die Ausbildung
Gerade für zentrale Praxisanleiter wie auch für dezentrale ist dieser Trainingsraum das ganze Jahr über vorbehalten, erklärt Oliver Schwindl. „Scills Lab“ wird er genannt, also ein Raum, in dem die speziellen Fähigkeiten trainiert werden können, die im Umgang mit Patienten notwendig sind. Praxisanleiter sind selbst Pflegekräfte, die eine Zusatzausbildung absolviert haben.
Diese zweiwöchige Aktion ist ein Baustein von vielen, die zum Bereich Risikomanagement zählen. Schon vor gut 20 Jahren wurde dafür das CIRS eingeführt, wie Schwindl erklärt. Die Buchstaben stehen für Critical Incident Reporting System – also ein System, das Beinahe-Zwischenfälle sammelt und in einer Arbeitsgruppe analysiert. Doch seit im Mai eine halbe Stelle dafür geschaffen und mit Antonia Maier besetzt wurde, erfährt das Risikomanagement mehr Gewicht und Struktur.
Maier nennt ein Beispiel: Pflegekräfte stecken manchmal Übergabezettel einer anderen Schicht in ihre Tasche. Wenn sie sich dann zum Feierabend in der Umkleide umziehen, haben sie früher den Zettel einfach in einem Mülleimer entsorgt. Doch das widerspricht dem Datenschutz, weil auf so einem Papier patientensensible Daten stehen und vielleicht ein Unbefugter es aus dem Papierkorb fischen könnte. Deshalb gibt es inzwischen als Pilotprojekt in der zentralen Damenumkleide einen Datenbriefkasten.
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Ziel sei es, Risiken zu identifizieren. Deshalb sei jeder Mitarbeiter aufgerufen, Missstände zu melden – anonym und sanktionsfrei. „Wir wollen weg von einer klassischen Schuldkultur hin zu einer offenen Feedback-Kultur“, sagt Maier. „Und das über alle hierarchischen Ebenen hinweg.“