Vom Westernreiten zur Pferdemedizinerin
Egal auf welchem Kontinent – in der Pferdewelt ist Judith Vetter zuhause: viele Jahre als erfolgreiche Westernreiterin und -Trainerin; jetzt als Pferdebesitzerin im heimische Hausen-Weinberg. Und künftig auch als Pferdetierärztin in Kelheim, so der Plan.
Der Berufsberater war damals, vor acht Jahren, ratlos. Eine Pferdefrau mit Abi, die mit Anfang 30 und internationalen Westernreit-Titeln aus den USA zurückkehrt – und jetzt einen neuen Beruf sucht? Zum Glück fiel‘s Judith Vetters Freundin wieder ein: „Du wolltest doch mal Tiermedizin studieren...?!“ Anstoß für die nächste Lebensvolte!
Die erste nahm sie als Teenagerin mit ihren Eltern: von Hausen nach Kolumbien. Hier wie dort verkündete Judith Vetter ihr Mantra „Ich will Pferdetrainerin werden“; von Kolumbien aus pendelte sie immer wieder zum Jobben auf US-Ranches. Kurz nach dem Abi in Kolumbien ergatterte sie tatsächlich eine Trainerstelle auf einer süddeutschen Ranch. Von dort aus begleitete sie Pferde zur Ausbildung in die USA. Und fand so zu Bill Horn, damals die Ikone des „Reinings“. Aus der praktischen Arbeit zu Pferd mit großen Rinderherden entstanden, ist das Reining das showträchtige Westernreit-Pendant zum Dressur-Reiten hierzulande.
Dreieinhalb Jahre rackerte Judith Vetter auf Horns Ranch in Texas, nahm dann einen Job auf einer französische Anlage an. Aber das Stammland des Westernreitens ließ die Hausenerin nicht los: Sie heuerte als Haupttrainerin auf der „Dorminy Plantation“ in Georgia an, wo sie junge Pferde einritt und ausgebildete auf Wettbewerben vorstellte. Eines, „Hail Of A Nic“, trug sie 2011 zu ihren größten Erfolgen: unter anderem zwei Welttitel der National Reining Horse Association. Damit wagte sie sich in die Selbständigkeit.
„Ich nenn‘s mein ,Urlaubsjahr‘“. Naja: Wohl eher ein Arbeitsurlaub, das Jahr auf einer Ranch in Florida. Bei dem ihr das nächstes Jobangebot in den Sattel flatterte, diesmal aus Belgien. Also wieder: Hausstand auflösen, zurück in die Alte Welt ziehen, alles „ein Riesen-Deal“. Umso ernüchterter war sie, als es auf der belgischen Ranch einfach nicht passte.
In solchen Momenten ist die Weltenbummlerin doch froh über ihre „Basisstation“ am Hausener Weinberg, wo ihre Mutter – und langjährige MZ-Mitarbeiterin – Edith Vetter Stellung hält.
Nach drei Monaten „Findungsphase“ bewarb sie sich kurzerhand fürs Tiermedizin-Studium. Ihr Glück: Die Wander-Reit-Jahre wurden als Wartezeit angerechnet – also hieß es nach 13 Jahren im Sattel: büffeln statt Reining. „Ich bin schon ziemlich blauäugig ins Studium rein“, gesteht Judith Vetter mit breitem Grinsen; mehrfach verkündete die resolute Pferdefrau entnervt, „Ich hör auf!!“. Wohl wissend, dass das ja doch keine Option war.
Sie biss sich durch, arbeitete nebenher als Werkstudentin in der Kelheimer Tierklinik: willkommendes Praxis-Knowhow und nebenbei ein Ersatz für die Studiums-Finanzierung, die Willy vermasselt hatte: Den damals vierjährigen Quarter Horse-Wallach wollte eigentlich sie zum Turnierpferd ausbilden und gewinnbringend weiterverkaufen. „Wilson“ wollte das nicht – stattdessen hilft er ihr seither als guter Lehrmeister für einige Reitschüler, die Judith Vetter nebenher betreut.
Getreu ihrem Lebensmotto „Ich mach‘ was mit Pferden“ startete sie 2020 als frisch approbierte Tierärztin in der Hilpoltsteiner Pferdeklinik Stephansmühle. Aber fast drei Stunden Fahrerei täglich zum Mehr-als-Fulltime-Job obendrauf; dazu mittlerweile ein Pferdetrio im eigenen Stall: Das passte einfach nicht mehr in einen 24-Stunden-Tag.
Statt dessen ergreift die Powerfrau nun in Kelheim die Chance, Beruf und Leidenschaft zu verbinden. Im April hat Judith Vetter wieder in Kelheim in derehemaligen Tierklinik, jetzt „Zentrum für Kleintiermedizin“angefangen. Vorrangig als Tierärztin für Hund und Katz’ und Co., aber mit dem Plan, dort in den nächsten Monaten Jahren sukkzessive ein Angebot für ambulante Pferdemedizin anzubieten.
Wechsel:Wandel:
Am Kelheimer „Zentrum für Kleintiermedizin“ ist der Generationenwechsel eingeleitet: Mit Konstantin Schmidt und Thorsten-Christian Gablonski haben Sohn und Schwiegersohn von Dr. Agnes Braun-Schmidt die Geschäftsführung übernommen, unterstützt von Tochter Anne-Christin Gablonski-Schmidt. Gründerin Agnes Braun-Schmidt ist aber weiterhin als medizinische Leiterin der Praxis tätig.Wegen des bundesweiten Mangels an Tiermediziner/innen und Fachangestellten hatte Braun-Schmidt Anfang 2020 den Status der Tierklinik aufgegeben, weil die Rund-um-die-Uhr-Besetzung nicht mehr zu leisten war. Als Tiermedizinisches Zentrum endet der Notdienst in der Praxis wochentags um 0 Uhr, wochenends/feiertags um 20 Uhr. Aktuell arbeiten 14 Tierärztinnen und -ärzte im Zentrum sowie 30 weitere Beschäftigte.
Pferde kann man ja nicht eben schnell in eine Praxis und auf den Behandlungstisch bringen. Für größere Operationen, schwere Lahmheit und ähnliches müssen Pferdehalter in eine der rar gesäten Pferdekliniken fahren, etwa nach Schierling, Cham oder Hilpoltstein. Vieles „drunter“ wird daher üblicherweise ambulant im heimischen Stall behandelt: Impfen etwa, Wundversorgung oder Hufbehandlungen. Selbst dabei gibt es indes im Kreis Kelheim und in Ostbayern Versorgungslücken, wie in der Veterinärmedizin insgesamt.
Während sie sich beruflich anschickt, diese Lücke zu schließen, dreht sich bei Judith Vetter auch in der Freizeit fast alles ums Pferd: Sie hat sich neben Willy noch zwei Quarter-Horse-Jährlingshengste zugelegt; als Veterinärin betreut sie Turniere; als Trainerin hilft Pferdebesitzern bei Auswahl und Ausbildung ihrer Tiere. „Pferde waren und sind einfach das Wichtigste für mich.“