Combourg in der Bretagne und Waldmünchen in Bayern: Da haben sich zwei gefunden

Von Petra Schoplocher · 2. Juni 2023 um 11:00

Waldmünchen/Combourg. Wer es auch nur ein einziges Mal erleben durfte, der weiß: Waldmünchen und Combourg, Combourg und Waldmünchen, das passt einfach. Und das nun schon seit 30 Jahren. Die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft.

Die im Mai 1989 beginnt. Nein, genau genommen am 21. Mai 1833. An jenem Tag nämlich verweigerte ein fuchshaariger Zöllner dem französischen Staatsmann Francois René de Chateaubriand die Einreise nach Böhmen – er „strandet“ in Waldmünchen. Dort hat er Zeit für Tagebucheinträge, die später in seine Memoiren einfließen. Waldmünchen wird Teil der Weltliteratur.

Senator Eiber als Schlüsselfigur

Wäre Bürgermeister und Senator Heinrich Eiber nicht so belesen gewesen, wer weiß, ob sich die gut 6200 Einwohner zählende Stadt in der Bretagne und Waldmünchen gefunden hätten. Er aber regte – als Chateaubriand-Bewunderer – einen Besuch in dessen Geburtsstadt Combourg an... (den Martina Mathes dann auch organisierte. Jeanne Belliard war als Frau des damaligen Bürgermeisters als Co-Gastgeberin gefragt. Sie erinnert sich: Es funkte sofort zwischen unseren beiden Städtchen – es war Liebe auf den ersten Blick.

Eine einzige Liebeserklärung

Überhaupt ist alles, was die Combourgerin über Waldmünchen sagt, eine einzige große Liebeserklärung. Schon an jenem Abend, an dem sie ihren Mann André vertreten musste, habe sie diesem von „mehr als Seelenverwandtschaft“ berichtet. Aus der ist längst eine fantastische und dauerhafte Freundschaft geworden.

Die Menschen, die sie an jenem Abend kennengelernt habe, „entsprachen völlig denen, die uns Chateaubriand in seinen Erinnerungen von jenseits des Grabes geschildert hat“. Der seinen Zwangsaufenthalt in einer Frage zusammenfasst: „Wer würde es mir glauben, es tat mir sozusagen leid und weh, dass ich Waldmünchen verließ.“

Deutsch-französische Hochzeit

Dieses Gefühl haben Franzosen seitdem hundertfach erlebt, gleichermaßen Waldmünchner in Combourg. Was aber ist das Erfolgsgeheimnis, schließlich trennen die Partnerstädte gut 1000 Kilometer Luftlinie? Für Daniel Valentini, seit 2017 Vorsitzender des Partnerschaftskomitees, sind es die vielen Begegnungen. Bei offiziellen Besuchen, aber mehr noch bei den unzähligen privaten. Unzweifelsfrei ein Höhepunkt: die Hochzeit von Samuel Troptard und Anja Weiler als Folge ihrer Begegnung in Waldmünchen.

Viele Säulen

Zudem der Grundstein: Die beiden damaligen Bürgermeister Dieter Aumüller und André Belliard waren rasch von der Idee einer Städtepartnerschaft begeistert. Und: Es gab motivierte Personen , Idealisten, Brückenbauer, Antreiber. Für Daniel Valentini auf Waldmünchner Seite allen voran eine: Martina Mathes, die – so Valentini – „uns immer durch ihr vertieftes Wissen gefesselt hat“. Sprache, Geschichte, Literatur – vor allem Chateaubriand. Und nicht zuletzt: ihre unerschütterliche Hingabe für unsere Partnerschaft.

Botschafter des Friedens

Für Daniel Valentini und seine längst „co-abhängige“ Frau ist die Partnerschaft die Gemeinschaft zweier Städte, die es ihren Bürgern durch gegenseitige Besuche, das Teilen gemeinsamer Augenblicke und durch geselliges Beisammensein ermöglicht, sich kennenzulernen und die Lebensstile zu vergleichen. „So können dauerhafte freundschaftliche Bande geknüpft werden und wir werden alle zu kleinen Botschaftern des Friedens und der Wertegemeinschaft zwischen unseren beiden Nachbarvölkern im Herzen Europas“, unterstreichen die Franzosen. Etwas, das gerade in der heutigen Zeit eine besondere Rechtfertigung erfährt.

Sie sind ganz sicher: Die zweifach (im Mai in Combourg und im Juli Waldmünchen) besiegelte Partnerschaft ist eine kulturelle und persönliche Bereicherung. Durch die vielen freundschaftlichen Kontakte, die viele und auch sie persönlich in den 30 Jahren geknüpft haben. Die Valentinis denken speziell an Elisabeth und Walter Ruhland, „unsere geliebte Gastfamilie“.

Der erste Besuch bei Dauerregen

1993 waren die Valentinis das erste Mal in Waldmünchen, mit Wohnwagen am Campingplatz, bei einer Woche Dauerregen. Aber: „Wir wurden von Familie zu Familie eingeladen“, berichten sie. Das erste Trenckfestspiel ist dank „der Mitwirkung so breiter Kreise der Bevölkerung“ unvergessen, wie der Ausblick aus der Jubi-Aula, wo der Festakt stattfand. Von ihrer Heimatfest-Premiere haben sie „Bierkrüge von einer vorher nie gekannten Größe“ in Erinnerung sowie das Konsumieren „Bier von vorher nie geahnter Menge“.

Da war noch mehr: „Wir entdeckten die Schönheit Bayerns, grüne Landschaften, Seen, Wälder, die großen Häuser mit blumengeschmückten Balkonen und den ordentlich aufgeschichteten Holzstößen.“

Philosophische Finessen

Mit einem Augenzwinkern erzählt Daniel Valentini vom Festakt in seiner Heimatstadt . Der sei untrennbar mit der „langen Rede von Senator Eiber“ verknüpft, deren philosophische Finessen für seine dolmetschende Frau schwer zu übersetzen war.

Jeanne Belliard war 1991 erstmals in der Trenckstadt zu Gast, vier Ehepaare hatten sich zusammengetan. „Der Empfang war fantastisch, voll Wärme und Freundlichkeit“, schwärmt sie noch immer. Überlassen wir ihr, deren Mann wie die anderen beiden Unterzeichner der Partnerschaftsurkunde, Dieter Aumüller und Heinrich Eiber, 2005 starb, das Schlusswort: „Schon 30 Jahre! Es ist eine glückliche Ehe. Dank Chateaubriand.“

Bausteine der Partnerschaft

Begegnungen: Das Partnerschaftskomitee in Combourg, zu dem mehr als 100 Mitglieder und Gastfamilien zählen, hat neben Gruppenreisen unzählige Austauschprogramme ermöglicht: zwischen Familien, Vereinen (Feuerwehr, Landwirte, Sportler, Motorradfahrer, Chöre, Musikkapellen), Jugendlichen oder in Form von Praktika in der Hotellerie, im Tourismus oder jüngst im Konditorenhandwerk.

Bereicherung: Seit 2022 wird eine Partnerschaft zwischen der Realschule Waldmünchen und dem Collège St. Gilduin belebt, angesprochen sind vor allem die achte und neunte Jahrgangsstufe.

Besuch 1: Zum Heimatfestwochenende in Kombination mit dem Theaterstück „Monsieur Chateaubriands letzte Reise“ hat sich eine Delegation aus der Bretagne angesagt. Alles in allem nach aktuellem Stand 72 Personen, unter ihnen 24, die privat anreisen – ein wirkliches Ausrufezeichen, findet nicht nur die Waldmünchner Komitee-Vorsitzende Martina Mathes.

Besuch 2: Diesen Sommer ist zudem wieder ein Besuch der Deutschen in Combourg geplant. Termin: 24. bis 29. August. Unter den angemeldeten Teilnehmern sind einige, die über die Schul-Partnerschaft in Kontakt gekommen sind. Für Mathes ein Zeichen dafür, dass die Verbindung den Sprung in die nächste Generation schaffen wird. „Da bahnt sich Großes an“, ist die Ehrenbürgerin mehr als angetan.

Aus dem Privatalbum von Martina Mathes (Zweite von rechts, im Gespräch mit Jeanne Belliard): Das Bild entstand beim allerersten Besuch von Waldmünchnern in Combourg. Links Senator Heinrich Eiber, rechts der Marquis de Villaines
Zuhause bei Freunden: Szenen wie diese herzliche Begrüßung gibt es sicher Tausende. Aufgesetzt sind sie nie.
Über allem und allen wacht Chateaubriand. Der Schriftsteller ist schuld, das Treffen am Denkmal geliebter Pflichttermin.