Höchstes Windrad der Welt: Firmengruppe Max Bögl aus Sengenthal peilt Rekord an

Von Nicole Selendt · 1. Juni 2023 um 10:35

Das Geschäft mit der Windkraft hat das Potenzial, nach der Sparte Hochbau die zweitstärkste in der Firmengruppe Max Bögl aus Sengenthal zu werden. Für 2024 kündigt Vorstandsvorsitzender Stefan Bögl in einem exklusiven Gespräch mit unserem Medienhaus sogar einen Weltrekord an.

So werde das Unternehmen mit Sitz in Sengenthal im Kreis Neumarkt auf dem Winnberg 2024 zusätzlich zu den beiden bestehenden Windrädern eine Anlage der neuesten Generation bauen – und damit einen Weltrekord aufstellen. Mit einer Leistung von rund sieben Megawatt und einer Nabenhöhe von 199 Metern werde die Anlage dann die leistungsstärkste weltweit sein. Zum Vergleich: Derzeit produzieren Windräder innerhalb von 24 Stunden durchschnittlich 3,2 Megawatt.

Max Bögl baut Windräder in Werken in Sengenthal und Osterrönfeld

Die Anlage ist ein Meilenstein auf einem Weg, den die Firmengruppe vor etwa 15 Jahren auf dem Sektor erneuerbare Energien eingeschlagen hat. Mittlerweile stammen rund 50 Prozent der Türme für Windkraftanlagen über 159 Metern Nabenhöhe bundesweit aus den zwei Böglwerken in Sengenthal und Osterrönfeld. Rund 400 Stück pro Jahr kann die Max Bögl Wind AG laut Stefan Bögl derzeit bauen, voraussichtlich werden es ab 2024 bis zu 600 sein. Mit einem Vorlauf von einem Jahr könne sogar noch um weitere 200 pro Jahr erhöht werden.

Er geht davon aus, dass das Unternehmen bei der Umsetzung der Ziele aus dem sogenannten Wind-an-Land-Gesetz eine große Rolle spielen werde. Demnach sollen bis 2030 jährlich Windräder mit einer Gesamtleistung von zehn Gigawatt ausgeschrieben werden. Zum Vergleich: 2017 lag dieser Wert bei lediglich 1,5 Gigawatt. Beim Erreichen dieser Ziele sei vor allem die Leistung der Windkraftanlagen entscheidend. Und die sei umso größer, je höher die Windräder seien.

Die Türme, die es Anlagenbetreibern erlauben, ebendiese großen Höhen zu erreichen, stammen aus dem Hause Bögl: Sogenannte Hybridtürme sind nicht mehr nur aus Stahl, sondern besitzen einen Betonsockel. Das ist nicht nur billiger und stabiler, sondern hat beim Transport auf deutschen Autobahnen große Vorteile. „Wir gehen davon aus, dass wir unseren Marktanteil für Windtürme, bei Anlagen mit großen Nabenhöhen, sogar noch etwas erhöhen können“, sagt Bögl.

Repowering: Stefan Bögl hofft auf vereinfachte Genehmigungsverfahren

Dabei konzentriere sich das Unternehmen – auch wenn schon einige Projekte im europäischen Ausland verwirklicht worden sind – auf Deutschland und den Onshore-Bereich. Die Bögl-Türme seien nicht für große Windparks auf See geeignet, sondern für den Einsatz an Land, wie Bögl klarstellt. Dabei seien deutsche Windparks an Land gar nicht so groß, wie allgemein angenommen. Ein Windpark in Deutschland umfasse im Durchschnitt nur drei Anlagen – und werde mit der neuen Gesetzgebung wohl nicht merklich wachsen, um die Akzeptanz in der Bevölkerung nicht zu gefährden.

Stefan Bögl geht für die Zukunft auch davon aus, dass das Thema Repowering – also der Austausch eines bestehenden Windrads gegen eine Anlage mit höherer Leistung – eine größere Rolle spielen werde. Und hofft, dass gerade für bestehende Standorte vereinfachte Genehmigungsverfahren möglich sind.

Denn für neue Anlagen habe sich die Verfahrensdauer von 11,5 Monaten im Jahr 2012 auf durchschnittlich mehr als 25 Monate im laufenden Jahr verlängert. Mehr als eine vage Zusage von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, dies zu ändern, sei ihm bisher aber noch nicht zu Ohren gekommen.

Sengenthaler Unternehmen Max Bögl will in Zukunft völlig netzautark werden

Für Stefan Bögl sei aber grade das unerlässlich. Denn die Stromerzeugung mit Wind und Sonne sei nun mal die mit Abstand günstigste. Er ist sicher, dass es gelingen kann, von Atom- und Kohlestrom wegzukommen – und damit Vorbild für die ganze Welt zu werden. Und das wiederum eröffne dem Familienunternehmen Zukunftsmärkte auf der ganzen Welt – und Deutschland den Weg heraus aus Abhängigkeitsverhältnissen.

Die hat die Unternehmensgruppe Max Bögl übrigens längst hinter sich gelassen. Das Werksgelände in Sengenthal mit seinen Produktionshallen und Betriebsgebäuden kann sich – zumindest auf dem Papier – mittlerweile zu 100 Prozent mit eigenem grünem Strom versorgen. Die Windräder auf dem Winnberg – die nun um ein weiteres ergänzt werden sollen – die schwimmende PV-Anlage auf dem Bögl-Weiher, die demnächst von 1,7 auf eine Leistung von sechs Megawatt erweitert werden soll – und viele weitere Anlagen auf Dächern des Werksgeländes liefern aktuell rund sechs Megawatt grünen Strom.

Verbraucht würden derzeit 5,2 Megawatt, der Rest fließe in einen Batteriespeicher mit 2,5 Megawatt. Ziel ist es laut Stefan Bögl, mithilfe dieser Anlagen in Zukunft völlig netzautark zu werden.

Regenerativen Strom speichern: Max Bögl setzt vor allem auf Batteriespeicher

Was nicht verbraucht oder gespeichert werde, werde eingespeist. Und da tut sich zunehmend − wie für viele andere Erzeuger von regenerativem Strom – ein Problem auf, wie Stefan Bögl erklärt: Das Netz kann den Strom nicht mehr aufnehmen. Das Unternehmen hat daher ein eigenes leistungsfähiges Kabel bis zum Umspannwerk nach Neumarkt gelegt.

Doch das Problem gebe es vielerorts. So seien ganz oft dann, wenn Bögl nicht nur als Lieferant der Türme, sondern auch als Projektierer für gesamte Anlagen auftritt, die Einspeisepunkte der Knackpunkt. Dass Investoren und Projektierer ihre Infrastruktur daher selbst „mitbringen“ und eigene Umspannwerke bauen, werde wohl in Zukunft öfter der Fall sein.

Weil das Unternehmen in Zukunft bei der Speicherung seines regenerativen Stroms vor allem auf Batteriespeicher setzt, spielt Wasserstoff daher übrigens keine große Rolle mehr, wie Bögl erklärt. Ursprüngliche Ideen, überschüssigen Wind- und Solarstrom in Wasserstoff umzuwandeln und so als Speichermedium zu nutzen, seien als unwirtschaftlich mittlerweile verworfen. Batteriespeicher seien deutlich effizienter und wirtschaftlicher. Dennoch setzt Bögl große Hoffnungen auf weitere Entwicklungen im Bereich Wasserstoff – und zwar bei der Verwendung von Stahl.

Stahlzulieferer seien derzeit dabei, ein Verfahren zu entwickeln, das bei der Eisenerzverarbeitung auf Wasserstoff statt auf Kohlenstoff setzt, wie Bögl erläutert. Grob gesagt entstehe bei diesem chemischen Prozess dann kein CO2 mehr, sondern nur Eisen und Wasserdampf. Käme der Wasserstoff für die Stahlherstellung dann noch aus Wind- oder Solarenergie, wäre diese mit einem Mal Co2-neutral – und die Bögl Wind AG könnte für ihre Hybridtürme neben grünem Beton auch noch grünen Stahl einsetzen.

Denn der Beton, den Bögl herstellt, ist schon länger einer, der mit 30 Prozent weniger Zement auskommt als andere Mischungen. Das macht ihn nachhaltiger. Denn Bögl verwendet als Ersatz Kalksteinmehle, die zum einen die Leistungsfähigkeit der Betone erhöhen, zum anderen regional im firmeneigenen Steinbruch in Wiesenhofen zur Verfügung stehen.

Vorstandsvorsitzender Stefan Bögl Foto: Firmengruppe Max Bögl