Neunburg will Defizit minimieren: Gebühr für E-Ladesäule steigt um gut 1300 Prozent

Johann Graßmann schaute nicht schlecht, als er den Brief der Stadt Neunburg (Landkreis Schwandorf) in der Hand hielt. 1000 Euro sollte er nun für seine Karte für die E-Ladesäule an der Schwarzachtalhalle zahlen. Bislang lag die Jahresgebühr bei 75 Euro.
Das sei eine Erhöhung um mehr als 1300 Prozent, so Graßmann. Er hält das für maßlos überzogen. „Mir ist völlig klar, dass der Betrieb der Ladesäule für die Stadt mit einem hohen Defizit verbunden ist, und dies in Zukunft so nicht weiter betrieben werden kann“, meint er. Für 75 Euro jährlich konnte das Auto unbegrenzt oft an der E-Ladesäule aufgetankt werden.
Kurzfristig angekündigt
Dennoch kritisiert er die Art und Weise. So sei die Erhöhung sehr kurzfristig angekündigt worden. Das Schreiben an ihn ist am 23. Mai verfasst, ab 1.Juni soll der neue Preis gelten. Wenn man mit der neuen Gebühr nicht einverstanden sei, habe man genau fünf Werktage Zeit, um die Ladekarte bei der Stadt zurückzugeben, sagt der Neunburger. Er brachte die Karte am Dienstag zurück – zuvor lud er sein E-Auto noch mal auf. Für ihn würde sich eine Jahresgebühr von 1000Euro nicht rechnen, sagt Graßmann.
An einem Rechenbeispiel veranschaulicht er dies: „Geht man von einem Preis für Ladestrom von rund 50 Cent pro Kilowattstunden aus, so würde ich mit meinem Auto für die 1000Euro gut 2000 Kilowattstunden Leistung beziehen.“ Bei einer maximalen Ladekapazität von elf Kilowatt pro Stunde – mehr kann die Ladesäule nicht –, wäre das eine Ladezeit von rund 182Stunden, fügt Graßmann hinzu.
Ladepunkte meistens belegt
Würde die Säule an 365 Tagen je 24 Stunden aktiv Fahrzeuge laden, so könnten rein theoretisch 48Autos bedient werden. Da an der Säule gleichzeitig zwei Fahrzeuge geladen werden können, wären es 96.
„Dies ist eine theoretische Anzahl, da das Lademanagement der Fahrzeuge die Ladeleistungen in Abhängigkeit des Ladestands der Batterie und diversen anderen Umständen regelt und somit mit geringeren Leistungen lädt“, erläutert Graßmann. Die errechnete Anzahl von Fahrzeugen, die geladen werden könnten, sei also um einiges geringer, ist er überzeugt. „Ich zahle nicht einen so hohen Preis für eine Leistung, die ungewiss ist“, sagt er. Denn die zwei Ladepunkte müssten auch frei sei. Ein Vor-Ort-Test der MZ vor kurzem zeigte, dass die Nachfrage groß ist: Zu drei verschiedenen Zeiten waren sie immer besetzt.
Wie Bürgermeister Martin Birner (CSU) erfuhr, gebe es Nutzer, die gleich mehrere Fahrzeuge mit einer Karte aufladen würden. Eine Karte gilt zwar theoretisch für ein Fahrzeug, doch mancher nutze sie für seine „ganze Flotte“.
Stadt hat „enorm draufgezahlt“
Das hat negative Folgen für die Stadt. Die muss das Defizit zwischen den Einnahmen aus der Jahresgebühr und dem Gesamtpreis des verbrauchten Stroms decken. Zuletzt habe die Stadt „enorm draufgezahlt“, meint der Rathauschef. Das Defizit habe über die Jahre stark zugenommen. Der Stadtrat schaute sich die Kosten nun an und entschied, die Jahresgebühr deutlich anzupassen. Sie wird nach der Batteriekapazität der E-Fahrzeuge gestaffelt, beträgt 500 oder 1000 Euro.
Durch die geringe Jahresgebühr habe die Stadt die Nutzung von E-Fahrzeugen eine Zeit lang gefördert, durch den extremen Anstieg der Stromabnahme und der damit verbundenen deutlichen Erhöhung des Defizits sei eine Entscheidung notwendig gewesen. Dass die Leute das Angebot ausnutzen würden, sei nicht im Sinne der Sache, sagt Birner.
Der Bürgermeister gibt die Kritik der Nutzer weiter. Die Errichtung von Ladesäulen sei vor einigen Jahren den Kommunen mit Fördermitteln schmackhaft gemacht worden, mit dem Defizit wurden sie aber allein gelassen.
Johann Graßmann findet die Vorgehensweise der Stadt auch deshalb fast unverschämt, weil die Ladeinfrastruktur in Neunburg in seinen Worten miserabel sei. Neben der Ladesäule an der Schwarzachtalhalle gibt es noch Lademöglichkeiten an der Realschule, am Aldi-Markt im Industriegebiet sowie am Autohaus Lacher an der Neukirchener Straße. Bei keinem dieser Ladepunkte handele es sich um einen Schnelllader.
Einzige zentrumsnahe Säule
„Im Vergleich zu den umliegenden Städten und Gemeinden ist das Angebot nahezu lächerlich“, findet Graßmann. In Rötz stünden nach seinen Worten 18 Ladepunkte und zwei Schnelllader zur Verfügung. Oberviechtach habe einen Schnelllader und vier Ladepunkte, die alle zentrumsnah liegen, so der Neunburger.
In der Pfalzgrafenstadt ist die Ladesäule an der Schwarzachtalhalle dagegen die einzige zentrumsnahe Lademöglichkeit. Wenn er sein Auto bei Aldi oder am Autohaus Lacher aufladen würde, müsste ihn seine Frau während der Ladezeit mit dem Zweitauto abholen.
Birner hofft, dass die deutlich höhere Gebühr nur 2023 erhoben werden muss. Die Stadt führt Gespräche mit einem Betreiber über die Übernahme der Ladesäule an der Schwarzachtalhalle. Dem potenziellen Betreiber gehört auch die Säule an der Realschule. An der Schwarzachtalhalle könnten weitere Säulen entstehen. Sollten sie gut angenommen werden, könnten zusätzliche Ladepunkte in der Stadt geschaffen werden, ist Birner zuversichtlich.