Erst einsam, dann krank: Zwei Frauen in Neumarkt wollen das Tabu brechen

Von Eva Gaupp · 30. Mai 2023 um 13:00

Neumarkt. Wer raucht, sich nicht bewegt und zu viele Kilos auf die Waage bringt, hat ein höheres Risiko, früher zu sterben. Doch auch wer einsam ist, läuft Gefahr, nicht alt zu werden. Deshalb nimmt die Bundesregierung eine „Strategie gegen Einsamkeit“ in Angriff. Und das Neumarkter Gesundheitsamt will das Thema aus der Tabu-Zone holen.

Wer schwer krank ist, aber über gute soziale Bindungen verfügt, hat eine um 50 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit zu überleben als Patienten, die sich einsam fühlen. Zu diesem Ergebnis ist bereits 2010 eine Untersuchung gelangt, die 148 internationale Studien mit mehr als 300000 Teilnehmern ausgewertet hat. Dabei spiele es keine Rolle, ob die Befragten tatsächlich sozial isoliert waren oder sich nur einsam gefühlt haben, erläutern die Forscher Holt-Lunstad, Smith und Layton.

Jetzt, nach den Erfahrungen der Coronapandemie, hat das bayerische Gesundheitsministerium das Thema „Einsamkeit“ zum Schwerpunkt 2023 ausgerufen. Denn die jüngsten Umfragen sind allarmierend: Fast jede zweite Frau und mehr als jeder dritte Mann gaben an, einsam zu sein.

Jugendliche: Fast jeder Zweite fühlt sich einsam

Erschreckend hoch fielen die Angaben bei Menschen unter 30 Jahren aus: Gaben vor Corona noch 14,5 Prozent an, sich mindestens „manchmal“ einsam zu fühlen, waren es im Frühjahr 2021 48 Prozent. Bei den Befragten zwischen 30 und 45 Jahren stieg die Zahl laut dem sozio-oekonomischen Panel von 15,3 auf 46,2 Prozent.

„Es gab schon vorher Erhebungen zur Entwicklung der Einsamkeit. Aber durch die Pandemie ist das Thema in den Fokus gerückt“, sagt die Leiterin des Neumarkter Gesundheitsamts, Christa Büchl. Das ist ihrer Ansicht nach sehr wichtig, denn wer sich einsam fühlt, hat ein erhöhtes Risiko, krank zu werden. „Die Zahl der psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen nehmen zu – gerade bei Kindern und Jugendlichen“, sagt die promovierte Psychiaterin.

„Es geht darum, die Menschen für das Thema zu sensibilisieren. Betroffene sprechen nicht darüber, obwohl sie unter ihrer Einsamkeit leiden.“ Christa Büchl, Leiterin Gesundheitsamt Neumarkt

Angesichts der enormen Zunahme der Vereinsamung sieht sie darin ein Thema, das alle Menschen angeht – auch die, die sich nicht einsam fühlen. Oder gerade die, denen es gut geht. Denn Büchl möchte durch die Kampagne vor allem eines: aufklären. „Es geht darum, die Menschen für das Thema zu sensibilisieren. Betroffene sprechen nicht darüber, obwohl sie unter ihrer Einsamkeit leiden.“

„Sie schämen sich“, sagt Claudia Zölfl-Setschödi, die Leiterin des Sozialpädagogischen Diensts am Gesundheitsamt. Einsamkeit werde in der Öffentlichkeit stigmatisiert. Erst, wenn sich dies ändere, trauten sich Betroffene, darüber zu sprechen. Die Diplom-Sozialpädagogin und Gerontologin wünscht sich deshalb generell eine Gesellschaft, die sensibler und aufmerksamer gegenüber ihren Mitmenschen ist. Denn Isolation sei oft ein langer Prozess.

Pandemie verhinderte wichtige Entwicklung in der Pubertät

Die Pandemie hat gezeigt, dass es auch ganz schnell gehen kann. Denn durch ihre wochenlangen Lockdowns und das Verbot sozialer Kontakte sei es beispielsweise Jugendlichen nicht möglich gewesen, wichtige Entwicklungsphasen zu durchleben, erklärt Büchl. „Entwicklungsschritte wie die Pubertät kann man aber schwer später nachholen.“

Jetzt hätten Kinder und Jugendliche wieder die Möglichkeit, soziale Kontakte zu sammeln und herauszufinden, welche für sie emotional wertvoll sind. Dennoch glaubt die Psychiaterin , dass es wohl mehrere Jahre brauchen werde, bis die Erfahrungen und Einschnitte durch die Pandemie verarbeitet sind.

Als Leiterin des Gesundheitsamts hatte Christa Büchl über all die Monate eine besondere Verantwortung zu tragen. Eine schwere Zeit, nicht nur als Behördenchefin, sondern auch für sie persönlich. „Wir haben versucht, die Menschlichkeit zu bewahren“, sagt sie rückblickend auf mehr als zwei Jahre, in denen die Politik versucht habe, Prioritäten zu setzen. Dass diese Entscheidungen gerade für junge Leute so massive Folgen haben würden, hätte sie nicht erwartet.

Sozio-oekonomisches Panel befragt zu Einsamkeit

Das sozio-oekonomische Panel, eine repräsentative Befragung von 30000 Menschen in Deutschland, die seit 1984 jedes Jahr durchgeführt wird, zeigt, dass es gesellschaftliche Gruppen gibt, die besonders von Einsamkeit betroffen sind: Dazu gehören Menschen mit geringem Einkommen, Arbeitslose, Personen mit Migrationshintergrund, einer gesundheitlichen Beeinträchtigung sowie Senioren.

Um sie vor der Vereinsamung zu bewahren, brauche es mehr Initiativen, sie zu integrieren, mehr informelle Orte der Begegnung, niederschwellige Angebote und Barrieren müssten abgebaut werden, zählt Zölfl-Setschödi auf.

„Die Einsamkeit steigt mit dem Alter“, greift die Gerontologin eine Gruppe heraus. Grundsätzlich biete Neumarkt schon sehr viel – etwa mit den beiden Bürgerhäusern, dem Seniorenbeirat oder den generationenübergreifenden Angeboten des Vereins GENiAL. Der „Mittagstisch mit Herz“ der Diakonie hatte alle Neumarkter mittwochs zum Mittagessen in den Klostersaal eingeladen und in Berngau entstehen im Lukasanwesen Appartments für eine aktive Wohngemeinschaft. „Aber es braucht noch mehr aufsuchende Angebote“, sagt die Sozialpädagogin.

Deshalb hat das Gesundheitsamt vor ein paar Jahren die Initiative „PräSenZ“ ins Leben gerufen. Senioren können einen Flyer ausfüllen und sich damit einverstanden erklären, dass sie einen Anruf vom Gesundheitsamt erhalten. Sie müssten also nicht aktiv um Hilfe bitten, sagt Zölfl-Setschödi. Solche Flyer lägen beispielsweise in Arztpraxen und im Klinikum aus.

Neumarkter Projekt „PräSenZ“ bietet Hausbesuche und Gespräche

Zu einer Handvoll Klienten sei so inzwischen sogar ein regelmäßiger Kontakt entstanden. Die Gerontologin kommt zu den Senioren nach Hause, nimmt sich Zeit für Gespräche und hilft bei konkreten Anliegen weiter. Einen Witwer, der nach dem Tod seiner Frau eine Depression entwickelt habe, habe sie beispielsweise an das Trauercafé des Hospizvereins weitervermitteln können, erzählt Claudia Zölfl-Setschödi. Für eine vereinsamte Frau, die auf dem Land lebt, habe sie den Kontakt zu einer Nachbarschaftshilfe hergestellt.

„Einsame haben oft das Vertrauen in ihre Mitmenschen verloren.“ Claudia Zölfl-Setschödi, Gerontologin

Von diesen Gesprächen weiß sie, dass man manchmal hartnäckig sein muss, um Menschen aus ihrer Einsamkeit zu holen. „Es ist wichtig, dran zu bleiben.“ Denn der Übergang von der Einsamkeit in die Isolation und die Depression sei fließend. „Einsame haben oft das Vertrauen in ihre Mitmenschen verloren.“ Deshalb suchten sie nicht mehr aktiv den Kontakt. Damit drehe sich aber die fatale Spirale weiter bis zu einer möglichen psychischen Erkrankung.

Doch wie lässt sich erkennen, ob ein Bekannter oder eine Nachbarin unter einer Depression oder Angststörung leidet? „Wenn sich jemand immer mehr zurückzieht und seinen Alltag nicht mehr bewältigen kann, dann ist es ein Zeichen dafür, dass jemand Hilfe braucht“, fasst es Christa Büchl zusammen.

Und woran liegt es, dass immer mehr Menschen einsam werden und immer öfter mit psychischen Problemen kämpfen? Für Christa Büchl liegt die Ursache in der rasanten Entwicklung der Technologien, die jeden Einzelnen immer mehr unter Druck setzen.

„Wir Menschen sind auf Pausen ausgerichtet, die wir nicht mehr haben.“ Es fehle die Zeit für Freundschaften, für qualitative Kontakte. Stattdessen breite sich Erschöpfung aus und der Eindruck, die Erwartungen nicht mehr erfüllen zu können. „Das müssen wir verstehen und aufeinander zugehen.“

„Es geht darum, Menschen für das Thema Einsamkeit zu sensibilisieren“, sagt Christa Büchl, die Leiterin des Gesundheitsamts Neumarkt. Foto: Eva Gaupp
„Einsame haben oft das Vertrauen in ihre Mitmenschen verloren“, sagt Claudia Zölfl-Setschödi. Sie ist die Leiterin des Sozialpädagogischen Diensts am Gesundheitsamt Neumarkt. Foto: Eva Gaupp