Rehkitze in der Wiese: Retter im Landkreis Neumarkt haben alle Hände voll zu tun

Von Nicole Selendt · 27. Mai 2023 um 11:38

Langsam schleicht Melanie durch das brusthohe Gras. Sie geht in die Hocke, hechtet plötzlich einen Satz nach vorne und verschwindet kurz im Gras. Als Melanie wieder auftaucht, hält sie ein zappelndes, jaulendes Rehkitz in den Armen – das sie wahrscheinlich vor dem sicheren Tod bewahrt hat.

Es ist die Zeit, in der Landwirte erstmals im Jahr ihre Wiesen mähen. Das sattgrüne Gras wird gemäht, siliert und als Futter für Nutzvieh verwendet. Dass diese Zeit mit genau der Periode zusammenfällt, in der Rehgeißen ihre Kitze zur Welt bringen, wird jedes Jahr Tausenden der neugeborenen Tiere zum Verhängnis. Denn um ihre Kinder vor Füchsen im Wald zu schützen, legen die Muttertiere sie im hohen Gras ab – und dort bleiben sie liegen und bewegen sich nicht weg. Auch dann nicht, wenn man durch die Wiese geht und nach ihnen sucht. Und vor allem auch dann nicht, wenn der Landwirt mit seinem bis zu zehn Meter breiten Mähwerk naht.

Auch die Feuerwehr Pilsach sucht mit nach Rehkitzen

Melanie und ihr bester Freund Maurice von der privaten Rehkitzrettung Sengenthal haben sich darauf spezialisiert, die Rehkitze zu finden, einzufangen, in eine entsprechend präparierte Box zu setzen und abseits der Wiese abzustellen, bis die Gefahr vorüber ist. Finden können die beiden die kleinen Kitze mit ihrer Drohne.

Das Fluggerät ist mit einer Wärmebildkamera ausgestattet und kann aus einer Flughöhe von rund 30 Metern jede Wärmequelle in einer Wiese ausmachen. Die Tiere erscheinen als rote Punkte auf dem Bildschirm der Fernsteuerung, die Drohnenpilot Maurice sich um den Hals gelegt hat. Sind die Kitze schon ein wenig mobil, ist es ein wenig schwieriger, sie zu ihrer eigenen Sicherheit vom Feld fernzuhalten. Doch auch das haben Melanie und Maurice meist im Griff.

Ebenfalls in der Rehkitzrettung im Landkreis Neumarkt engagiert ist die Feuerwehr Pilsach. Die hat sich vor drei Jahren mithilfe von Spendengeldern eine Drohne angeschafft und ihre Aktiven im Umgang mit dem Gerät geschult. Wie Pressesprecher Stefan Renner im Gespräch mit unserer Zeitung sagt, sei die Drohne zwar nicht primär für die Kitzrettung angeschafft worden, sondern für die Rettung von Menschen. „Aber bei der Kitzrettung mitzumachen, ist für unsere Leute eine super Übung: Große Flächen abzufliegen auf der Suche nach Wärmequellen.“ Allerdings holen die Feuerwehrleute die Kitze nicht selbst aus dem Feld. Das übernehmen in ihrem Fall die Landwirte oder Jagdpächter, die bei der Drohnensuche mit anwesend sind.

Hohe Bußgelder für Landwirte

Wie das Bundesnaturschutzgesetz im Paragrafen 39, Absatz eins vorschreibt, ist es verboten, „wild lebende Tiere mutwillig zu beunruhigen oder ohne vernünftigen Grund zu fangen, zu verletzen oder zu töten.“ Die Mahd ist kein solcher Grund, wie dem Gesetzestext weiter zu entnehmen ist. Und somit ist primär der Landwirt und der Fahrer oder Maschinenführer für das Absuchen des Stückes Land, das bearbeitet werden soll, verantwortlich, wie der stellvertretende PI-Leiter Jörg Degenkolb auf Anfrage unserer Zeitung erklärt.

Kontrolliere ein Landwirt seine Wiese nicht vor der Mahd und nehme daher billigend in Kauf, dass ein Rehkitz zu Schaden komme, könne das empfindlich bestraft werden, wie Degenkolb weiter ausführt. So etwas könne eine Geldstrafe, in seltenen Fällen sogar eine Freiheitsstrafe nach sich ziehen. Entsprechenden Urteilen zufolge bewegen sich die Geldstrafen laut Degenkolb im Bereich von 1000 bis 4200 Euro.

Deswegen hat sich zum Beispiel Landwirt Thomas aus dem Gemeindebereich Mühlhausen auch bei den Rehkitzrettern Melanie und Maurice gemeldet. Allerdings ist er nicht der einzige – und das ist oft das Problem: Denn wenn es für ihn Zeit wird, die Wiesen zu mähen, wird es für alle anderen Landwirte auch Zeit. Und die Retter können nicht überall gleichzeitig sein. Und deswegen ist die Arbeit in den Wiesen nicht nur schweißtreibend, sondern auch ein Fulltime-Job. Am vergangenen verlängerten Wochenende waren Melanie und Maurice fast rund um die Uhr unterwegs.

Jäger und Landwirte helfen

Sie versuchen in der Regel, schon am Abend vor dem eigentlichen Einsatz einen ersten Flug mit der Drohne zu machen. „Wir hoffen, dass die Geißen merken, dass etwas nicht stimmt und ihre Kitze aus der Gefahrenzone holen “, sagt Melanie. Auch geht sie – während Maurice das Feld mit der Drohne abfliegt – einige Meter durch das Feld, um ihren menschlichen Geruch zu hinterlassen. Ein Patentrezept ist das aber beileibe nicht. Das abendliche Stören hilft nur manchmal, aber leider nicht immer.

Mittlerweile arbeiten die beiden schon mit zahlreichen Landwirten im Umkreis zusammen. Diese rufen an, um die Mahd anzukündigen und den Rettern Zeit für ihre Arbeit zu geben – optimalerweise schon einen Tag vorher. Auch seien die ansässigen Jäger wertvolle Verbündete bei der Arbeit als Rehkitzretter. „Die zeigen wirklich ein tolles Engagement“, sagt Melanie.

Maurice lässt seine Drohne starten. Foto: Nicole Selendt
Kitze laufen nicht weg, wenn sie das Mähwerk des Traktors hören. Foto: Nicole Selendt
Die Tiere sind auf dem Bildschirm der Drohne gut zu erkennen: Hier ist eine Geiß zu sehen, die womöglich trächtig ist. Foto: Stefan Renner
Es ist eine schweißtreibende Arbeit, die Boxen mit den Kitzen aus dem Feld an den Waldrand zu tragen. Foto: Nicole Selendt
Geschwisterkitze liefen im Feld oft sehr nah beieinander. Daher werden sie auch gemeinsam in einer Box gesichert. Foto: Melanie Scheffler
Die Kitze sind im hohen Gras kaum zu sehen. Foto: Stefan Renner
Die Feuerwehr Pilsach kann die Erfahrungen bei der Kitzrettung später bei der Personensuche im Notfall gut nutzen. Foto: Stefan Renner