Regensburgs Juden sind entsetzt: Schuhplattler auf dem Synagogen-Denkmal

Eine Trachtengruppe veranstalte einen bayerischen Traditions-Tanz auf dem Dani-Karavan-Denkmal. Der Vorsitzende des veranstaltenden Vereins rechtfertigt das mit dem Hinweis, der Künstler wollte einen Ort der Begegnung schaffen.
Stampfen, Hüpfen, lautes Schnalzen, beherztes Klatschen auf die Wadeln: Das, was auf einem Video festgehalten ist, zeigt Trachtler, die das traditionelle bayerische Schuhplatteln aufführen. Am Wochenende säumten Straßenmusikanten die Plätze in Regensburgs Altstadt. 140 Jahre Trachtenbewegung in Bayern – bei Kaiserwetter erfreuten die Schuhplattler Touristen wie Einheimische gleichermaßen.
„Bin geschockt vor dieser Respektlosigkeit“
Doch ist wirklich jeder Ort dafür geeignet, heiter zu jubeln und zu schnalzen? „Ich war geschockt von dieser Respektlosigkeit, als ich das gesehen habe“, sagt Ilse Danziger, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Regensburg. Seit Samstag kursiert ein Video unter Regensburgs Juden, das zeigt, wie eine Trachtengruppe auf dem Dani-Karavan-Denkmal am Neupfarrplatz schuhplattelt.
Zuschauer klatschen begeistert. „Auf die Idee, dass der Ort eine niedergebrannte Synagoge symbolisiert und auch das Kunstwerk kein Ort für so eine Schau ist, kam niemand, das erschüttert mich eigentlich am meisten“, sagt Danziger. Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde findet, dass nicht jeder Ort für eine solche Darbietung geeignet ist. „Ich bin sprachlos dass es Menschen gibt, die überhaupt keine Rücksicht mehr nehmen“, beklagt Danziger. „Das ist eine Begegnungsstätte, ein Gesprächsort, aber keine Tanzbühne.“
CSU-Stadtrat: „Unglaublich positive Resonanz“
Das sieht Erich Tahedl, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Regensburger Trachtenvereine und CSU-Stadtrat, ganz anders. „Es ist eben kein Mahnmal, sondern ein Kunstwerk“, sagt Tahedl. „Der Künstler wollte, dass sich Menschen dort begegnen und Tanz ist eine Form der Begegnung“, entgegnet der Trachtenvereins-Aktivist. „Wir haben unglaublich viel positive Resonanz bekommen. Geschäftsleute vom Neupfarrplatz haben sich gemeldet, aber auch Touristen, die sagten, das war richtig schön“, meint Tahedl. Und all das für wenige hundert Euro. „Ich nehme das nicht als Kritik wahr, sondern als Zuspruch,“ sagt der CSU-Stadtrat.
Ähnlich wie Ilse Danziger sieht Dieter Weber allerdings die Angelegenheit. Weber gründete einen Förderverein, mit dessen finanzieller Hilfe 2019 die neue Synagoge am Brixener Hof eröffnet werden konnte. Er hat sich um die Aussöhnung mit den Regensburger Juden verdient gemacht. „Ich finde diese Aufführung mehr als geschmacklos“, sagt Weber. „Ich sehe zwar, dass die Gruppe das wohl nicht absichtlich gemacht hat, aber das war reinste Dummheit“, ergänzt er. Auch Weber hat entsetzt, dass so viele Menschen um das Karavan-Denkmal herumstanden und nicht eingriffen. „Das Kunstwerk zeichnet die Umrisse der 1519 zerstörten Synagoge nach. Natürlich ist das ein Ort der Begegnung und des Gesprächs, aber kein Ort, an dem man ein solches Spektakel aufführt“, sagt Weber.
Reiter hingen Pferde an das KZ-Mahnmal
Immer wieder sorgt der unbedachte Umgang mit dem Andenken im öffentlichen Raum für Aufregung. 2020 hängten Reiter zwei Pferde an das Mahnmal in Stadtamhof, das an die Opfer des Konzentrations-Außenlagers im Colosseum erinnert. 2022 beschwerten sich der Münchner Künstler Wolfram Kastner und der Regensburger Hans Wallner bei der Stadt, weil Mülleimer an der Tafel angebracht waren, die das Karavan-Denkmal am Neupfarrplatz erläutert. Das Kunstwerk wurde 2005 eröffnet, die hohen Anforderungen des israelischen Künstlers Karavan stellten die Baufirmen vor hohe Hürden. Der Name des Denkmals lautet übrigens „Misrach“, das ist Hebräisch für „Osten“.