IHK-Award für Kommunen: Ringen um des Pudels Ortskern

Schlaforte, in denen tagsüber die Bordsteine hochgeklappt werden. Ausgestorbene Innenstädte, leere Ladenlokale, Tristesse: Das ist die Horrorvorstellung der Zukunft, wenn der Online-Handel endgültig gesiegt und der stationäre Handel sich gerade aus den Innenstädten kleiner Kommunen zurückgezogen hat. Doch es gibt sie, die gallischen Dörfer, die sich gegen diesen Negativ-Trend zur Wehr setzen.
Zum zweiten Mal vergibt die Industrie- und Handelskammer für Oberpfalz/Kelheim den Kommunal-Award für Konzepte, wie man die Innenstädte beleben kann. Es gibt zwei Kategorien: für Kommunen unter 8000 Einwohnern sowie jene mit über 8000 Einwohnern. Fünf Kommunen schafften es in die Endauswahl: Drei in der Kategorie unter 8000 Einwohner, zwei in die Kategorie der größeren Städte. Eine Jury mit Vertretern aus Wirtschaft und Medien besuchte die Kommunen. Preisverleihung an die beiden Gewinner ist am 4. Juli im Aurelium in Lappersdorf.
• Beratzhausen: Resignation war gestern – jetzt soll der Markt wieder wachsen
Als Bürgermeister Matthias Beer (CSU) sein Amt übernahm, da fand er Niedergang vor: 50 Prozent der verbliebenen Ladeneinheiten im Marktkern standen leer. Der Markt hat eine Pro-Kopf-Verschuldung von 1800 Euro und damit die Höchste im Landkreis Regensburg. Gewerbesteuereinnahmen gibt es so gut wie keine. „Es gab Beratzhausener, die haben nicht mehr sagen wollen, woher sie waren, weil es dann gleich hieß: Du kommst daher, wo sich alle nur streiten.“ Zwischenzeitlich ist politisch Ruhe eingekehrt. Und neues Leben im Marktkern.
„Während Hemau in den vergangenen Jahren 25 Prozent mehr Bewohner hinzugewonnen hat, stagniert Beratzhausen bei 5500 Einwohnern“, sagt Beer. Und genau da setzen er und der Marktrat an: „Wir brauchen Wachstum.“ Zwei Baugebiete habe man zwischenzeitlich ausgewiesen. So sei es gelungen, mit geringen finanziellen Mitteln viel zu erreichen: Der „Johann-Ehrl-Platz“ wurde als zentraler Treffpunkt wiederbelebt. Mit Terrasse, Beschattung und Sonnendeck wurde Aufenthaltsqualität geschaffen. Sogar einen Rollrasen leistete man sich trotz 9,4 Millionen Euro Gemeindeschulden. Aber: „Die Leute müssen sofort sehen, dass was passiert – sonst verpufft der Effekt.“
Der Aufwand lohnt sich. Zwischenzeitlich hat Beer sogar zu wenig Ladeneinheiten, wenn sich jemand ansiedeln möchte. Die Neueröffnungen zogen Nachahmer an. Eine Sirupmanufaktur hat ebenso neu eröffnet wie ein Elektrofachgeschäft und ein Unverpackt-Laden. Gesamtkosten für die Kommune: 18.000 Euro. 72.000 Euro legte der Freistaat drauf. Und noch ein Schmankerl gab es für die Bürger: Eine Sport- und Freizeitanlage wurde für wenig Geld eingerichtet. Beratzhausen schaffte es in der Kategorie unter 8000 Einwohner in die Endauswahl.
• Kemnath: Visionen für eine lebenswerte Kommune in moderner Architektur
Zusammen mit einem Investor Visionäres umsetzen: Das geschieht in Kemnath, einer Gemeinde im Landkreis Tirschenreuth. Bürgermeister Roman Schäffler (CSU) stellte der Jury das Konzept vor, das mit moderner Architektur aufwartet, die aus einem Wohn- ein Lebensgebiet macht. „Das Konzept schafft Raum für Begegnung“, heißt es in der Vorstellung ihrer Bewerbung der Gemeinde, „mit Menschen und der Natur.“
Durch den Abriss einer Industriebrache wurde bereits 2012 ein Areal von 4,6 Hektar in zentraler Innenstadtlage frei. Für viele Kommunen ein Debakel: Der Leerstand droht, sich auszubreiten. Doch man fand einen Investor: Die Ziegler Group schafft unter dem Namen „Neues Leben an der Seepromenade“ ein innovatives, nachhaltiges, aber auch von Regionalität geprägtes Konzept „mit Leuchtturm-Charakter für die ganze Oberpfalz“, wie es in der Bewerbung Kemnaths heißt. 97 Wohneinheiten für alle Generationen, Geschäftsräume, ein Hotel mit 52 Zimmern, Stadtvillen, eine Brücke und abbaubares Holzparkhaus werden verwirklicht.
• Neues Leben rund um die historische Burg in Falkenstein
Frauenpower und wirtschaftliches Gespür: Bürgermeisterin Heike Fries (Wählergemeinschaft) stammt selbst aus einem Falkensteiner Geschäft. Im Gemeinderat sorgte Fries für Einigkeit. So tritt sie nach eigenen Angaben bei der nächsten Wahl nur dann an, wenn es keine Parteilisten gibt. „Herausforderung ist insbesondere, den Markt Falkenstein lebendig und attraktiv zu gestalten, sowohl für Wohnen in Falkenstein, als auch für Gewerbe und Tourismus.“ Da hat der Markt einiges zu bieten, nicht zuletzt die sehr gut erhaltene Burg, die dem Markt ihren Namen gab.
Zwei Anwesen sind es, die der Bürgermeisterin Magenschmerzen bereiteten – und für die es Lösungen gibt. Zum einen wird der frühere Schrötter-Bräu von einem Investor übernommen. Geplant ist dort eine Revitalisierung von Gastronomie und Biergarten, aber auch barrierefreies Wohnen und ein Bürgersaal. Zudem sollen Gewerbeflächen entstehen. Das Schmidmeier-Anwesen wird umgestaltet, es entstehen eine Tourist-Info und Aufenthaltsflächen sowie ein Parkdeck. Auf dem ehemaligen Bavaria-Gelände wird ein Gesundheitszentrum errichtet mit Apotheke, Hausarzt- und Zahnarztpraxis sowie einem Physiotherapeuten. Denn auch das wertet Kommunen wie Falkenstein auf: Die medizinische Versorgung ist ein wichtiger Baustein.
• Last und Chance einer historischen Altstadt prägen Neunburg
Dass die medizinische Versorgung in einer Stadt wie Neunburg mit knapp 8200 Einwohnern zentral ist, das weiß auch Bürgermeister Martin Birner (CSU). Mit dem „Medizinischen Versorgungszentrum Ostoberpfalz“ hat die Stadt Neunburg das Heft des Handelns selbst in die Hand genommen. Es wird von der Stadt betrieben. „Kommunen aus ganz Bayern wollen von uns wissen, wie das geht“, sagte Birner bei der Vorstellung der Bewerbung Neunburgs in der Kategorie von über 8000 Einwohnern. Doch die über 1000-jährige historische Altstadt hat auch ein massives Problem mit Leerständen – und denen hat der Bürgermeister den Kampf angesagt. Flächenverdichtung statt Flächenfraß ist das Motto in Neunburg. Mit einem Förderprogramm zur Innerortsbelebung legte die Stadt die Grundlage dafür, dass wieder in den Kern statt ins Umland investiert wird.
Birner und der Stadtrat nutzen auch das Mittel des Vorkaufsrechts, um etwas vorwärts zu bringen: „Wenn wir zeigen, wie es geht, gibt es Nachahmer“, sagt der Bürgermeister. Die Fronfeste als Haus der Begegnung ist ein Beispiel dafür, wie die Stadt selbst als Vorbild fungieren kann. Auch der Rathaus-Neubau im Stadtkern, der historische Substanz mit moderner Architektur verbindet, zeigt, wie charmant Altstädte sind oder sein können. „Die Altstadt ist das Herz Neunburgs und das müssen wir in die Zukunft führen“, sagt Birner. Dass die Neunburger selbst große Lust haben, ihre Stadt wiederzubeleben und mit Stolz auf die Geschichte zu blicken, das belegen schon zahlreiche Beispiele. Eines davon ist in einer alten Brauerei zu finden. Dort herrschte gähnende Leere. Doch dann übernahmen Melanie Schreiner, Ernst Eckl und Matthias Meier das Brauereigebäude – und brauen dort seither das Altstadtbräu. Birner macht keinen Hehl daraus, dass er sich oft auch mit dem Denkmalschutz auseinandersetzen muss. Doch der Politiker fragt dann: „Was nützen uns leerstehende Gebäude, wenn kein Leben mehr in der Altstadt ist?“
• Schwandorf geht den Weg zur grünen und belebten Innenstadt
Wer Architekturzeitschriften verfolgt, der weiß, wohin der Weg führt: Betonburgen waren gestern. Die neue Architektur ist grün. „Ich habe das an der Galerie Lafayette in Berlin gesehen“, sagt Bürgermeister Andreas Feller (CSU). Und jetzt wird auch die Fassade des Schwandorfer Rathauses begrünt. Doch das ist längst nicht alles. Die Stadt errichtet gerade Pocket-Parks in der ganzen Stadt. Ein Netz entsteht mit grünen Oasen. Dort, wo sogar Brunnen abgeschaltet wurden über Jahre, soll wieder Wasser fließen. Die Bürger haben sich beteiligt an dem Projekt und in sogenannten Stadtspaziergängen identifiziert, wo die Stadt Defizite in der Aufenthaltsqualität hat.
Doch das Mammut-Projekt schlechthin wird das Schmidt-Bräu-Areal: Dort baut die Stadt nicht nur sozialen Wohnraum, sondern richtet auch die Stadtteilbibliothek, die VHS in Teilbereichen und die Tourist-Info ein. „Wir wollen eine digitale Abholstation beispielsweise für Pässe“, sagt Feller. Und der Kampf gegen Leerstände geht in Schwandorf einher mit dem Kampf gegen den Klimawandel.



