Der künstlerische Wow-Effekt im neuen Waldmünchner Kupferdachl

Waldmünchen. Lange waren die Wände im neuen Kupferdachl nur eines: weiß. Geschuldet dem eigenen Worten nach wählerischen Chef, der nicht „irgendwas an Bildern“ wollte. „Es musste passen.“ Das tut es nun: mit den Bildern von Karl Heinz Irber. Zumal die in besonderer Hinsicht noch einen Anspruch erfüllen.
Nicht jeder wird beim Schlagwort Regionalität an Bilder an der Wand denken. Bernd Pirner schon. „Es ist doch sensationell, wenn wir sagen können: Das ist nicht irgendwo gekauft!“, ist dem Leiter der Pflegestifte Waldmünchen und Furth im Wald anzusehen. Täte man dies, hätten die Motive an der Wand keine Geschichte, keinen Hintergrund und schon gar keinen „Maler“, den man treffen könne.
Lange keine Vorstellung gehabt
Pirner gibt zu, lange keine Vorstellung gehabt zu haben – trotz einer künstlerisch tätigen Schwester sei er schließlich kein Innenarchitekt. Landschaften? Heimatmotive? Vorsorglich wurden Wände und Vorhänge neutral gestaltet, um nicht abzulenken. Das sollte sich auszahlen. Wie auch Geduld.
Offenbar brauchte es eine Veranstaltung, nach der ein gewisser Waldmünchner Mediziner namens Hör auf ihn zukam und insistierte, dass „da was her müsse“. Der hatte zudem gleich Idee und Namen: Irber.
Karl Heinz Irber: Groß, fröhlich, bunt
Groß, fröhlich, bunt – und regional. Viel brauchte es beim kurz darauf anberaumten Atelierbesuch nicht, um den Einrichtungsleiter zu überzeugen. Pirner spricht gar von einem Wow-Effekt, der ihn bei manchen Bildern getroffen hat. Einem, den er mit möglichst vielen Menschen und Besuchern teilen will.
Neben der Evolution, dem bildgewaltigen Dreiteiler direkt neben dem Eingang, sind es zwei korrespondierende Bilder gegenüber der Theke, die wirken, als könnten sie nirgends anders hängen. „Sehen Sie...“, lächelt Pirner – wohl wissend, dass der Titel der beiden Hochformate Statement 1 und 2 ist. Ein Bekenntnis eben.
Dienste für Menschen steht dahinter
Zum Kaufpreis für die 14 Bilder schweigen beide, allerdings hat die Organisation Dienste für Menschen, die hinter dem Pflegestift steht und Restaurant- und Hotelräume des Kupferdachls gekauft hat, „ein gewisses Budget“ bereitgestellt. „Werte sind in Euros oft nicht auszudrücken“, umschreibt und betont der Wahl-Waldmünchner im gleichen Satz.
Schöne Neben-Anekdote: Ein ehemaliger Schüler und neuer Pflegestift-Mitarbeiter (Irber war Lehrer für Sport und Mathematik an der Hauptschule) stellte beim Betreten des Kupferdachls mit Blick auf die Bilder ganz verwundert lächelnd fest: Den kenn ich...
Das sagt der Künstler
Und Irber selbst? Will sich nicht festlegen (lassen), sein Ding machen. Das kann bedeuten, Glassteinchen oder Computerplatinen einzubeziehen, einen Spiegel zu über- oder eine Jutetasche zu bemalen, eine Schranktür als Leinwand zu nutzen oder eine Schaufensterpuppe mit einem Kirschholz zu kombinieren. Die Kunst des Sich-treiben-Lassens....
Gemein ist Bildern und Skulpturen eines: Ein Werk ohne Titel, geht gar nicht. Also heißen sie Erlkönig, das zerbrochene Königreich, Neu-Gier, Jona und der Wal, Lebensmitte. Oder eben Statement, wie (das) im Kupferdachl. Und: Jedes hat seine Geschichte. Eine, die Irber manchmal selbst noch nicht kennt, wenn er beginnt.
Freude an Format und Farbe
Irbers „Hauptding“ sind und bleiben bei aller Experimentierfreude großformatige Bilder in knalligen Farben. Das Motiv ist manchmal auf den ersten Blick erkennbar, manches Mal erschließt es sich über den Titel. Aber immer – gerade das mag die Faszination ausmachen – bleibt Raum für einen eigenen Zugang, ein persönliches Hineinlegen.
Karl Heinz Irber ist ein Alleskönner
Was nicht in Widerspruch dazu steht, dass der Alleskönner von Holz bis Öl , von Fotografie bis Aquarell etwas zu sagen hat und will. Beispiel: Globalisierung auf der einen, Einsamkeit und Isoliertheit auf der anderen (Fortschritts)Seite. Eine ganze Weile war er von Ludwig Gebhard, dem Künstler mit Tiefenbacher Wurzeln, derart fasziniert, dass er eine Reihe geographischer Bilder schuf. Nicht festlegen, experimentieren.
Karl Heinz Irber: Schon in New York ausgestellt
Irber hat seine Bilder auf Einladung schon in New York und Florida ausgestellt („zur Vernissage geflogen bin ich ich“), hatte den Vertragsentwurf einer renommierten amerikanischen Galerie auf dem Tisch. Aber darum, um Ruhm, um Geldverdienen, ging und geht es dem Ruheständler mit großem (verborgenen) Atelier im Stadtzentrum nicht. Malen ist für ihn Ausdruck, Selbstzweck, ein Für-sich-Sein. Und die Wechselwirkung mit dem Betrachter.
Der Zeitaufwand für seine kreativen Auszeiten? „Schwankt“, lächelt der 71-Jährige, der von der „Schule des Sehens“ Rudolf Kortokraks‘ geprägt ist, verschmitzt, „es kann schon mal eine Nacht durchgehen“.
Ein „Heimatding“ ist im Kupferdachl dann doch zu finden, an exponierter Stelle, im Eingangsbereich. Dort hängt eine Nachbildung des Waldmünchen-Motivs, das Irber 2010 für die Sparkasse entworfen hatte: mit Marktplatzbrunnen, Kirch- und Stadtturm, Trenckpferden... Nicht-Festlegen kann auch eine Festlegung sein. Manchmal die größere.



