„Kann die KI eine Predigt schreiben?“: Pfarrer bringt Gläubige im Dom zum Raunen

Von Jonas Raab · 20. Mai 2023 um 19:00

Ein Raunen hallte durch den Regensburger Dom, als Prälat Bernhard Piendl die Gläubigen vergangenen Sonntag wissen ließ: „Heute zitiere ich nicht Apostel Paulus oder Papst Franziskus, sondern die Künstliche Intelligenz.“ Zuvor hatte er ChatGPT eine Predigt schreiben lassen. Einer Einordnung bedurfte das „faszinierende“ Ergebnis jedoch schon.

Was hat die KI zum Sonntagsevangelium zu sagen? „Ich war neugierig“, gesteht Piendl im Gespräch mit der Mittelbayerischen. Ein Freund hatte dem Ehrendomherrn zuvor von „sehr guten Ergebnissen“ berichtet, die ChatGPT dessen Tochter in der Schule ausgespuckt hatte.

„Kann die KI auch eine Predigt schreiben?“, wollte Piendl wissen – und wagte den Versuch. Er speiste das Programm mit einem Satz aus den Abschiedsreden Jesu an seine Jünger: „Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll: den Geist der Wahrheit.“ Dazu der Auftrag an den Chatbot: Schreibe eine Predigt!

Künstliche Intelligenz: ChatGPT schreibt „in Sekundenschnelle“ eine Predigt

Und siehe da. „In Sekundenschnelle“ erstellte das Programm eine Kurzpredigt, an der es laut Piendl nichts auszusetzen gab. „Wenn wir uns an den Heiligen Geist wenden, gibt er uns die Kraft und den Mut, den Herausforderungen des Lebens zu begegnen. Er gibt uns Stärke und Ausdauer, die Schwierigkeiten des Lebens zu bewältigen“, so die treffende KI-Interpretation der Bibelstelle.

Als Piendl das Zitat in seiner Predigt zum Besten gab, waren die Zuhörer laut dem Prälat ganz Ohr und „schon sehr bei der Sache“. Piendl kann sich gut vorstellen, ChatGPT künftig öfter einzusetzen. „Die Versuchung ist schon da. Es hat mir so viel Spaß gemacht“, verrät er. Künstliche Intelligenz sei durchaus ein interessantes Hilfsmittel – wenn man sie richtig einsetze.

Binnen Sekunden könne das neuartige Hilfsmittel alles abgreifen, was irgendwer irgendwann irgendwo ins Internet gestellt hat, schwärmt der Prälat. Dass es das Programm schafft, diesen Berg an Informationen in die logische Abfolge eines Textes zu bringen, bezeichnet Piendl als „frappierende Kunst“.

Prälat zitiert im Regensburger Dom aus KI-Predigt – und ordnet das Ergebnis ein

Das große Aber: „Im Evangelium geht es um eine persönliche Beziehung zu Gott. Das kann die KI nicht liefern. Sie kann meinen Glauben nicht ersetzen und bleibt unpersönlich“, so die Quintessenz von Piendls Sonntagspredigt. Was Künstliche Intelligenz leisten kann und was nicht, darüber diskutiert derzeit die ganze Welt – in ethischer, ökonomischer und rechtlicher Hinsicht.

Prälat Piendl positionierte sich mit seiner Predigt in der Debatte um ChatGPT klar. Die „persönliche Meditation des biblischen Textes“ bleibe auch in Zukunft die Grundlage seiner Predigten. Über vereinfachte Darstellungen, er habe einfach einen KI-Text vorgetragen, ärgerte sich Piendl deshalb. „Eine Predigt bleibt meine Leistung“, stellt er klar.

Prälat Bernhard Piendl hat das KI-Programm ChatGPT getestet. Sein Fazit fällt positiv aus.