Innenminister sieht Notarzt-Versorgung im Kreis Kelheim nicht in Gefahr

Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat an einem Fachgespräch im Landkreis Kelheim teilgenommen. Ihm zufolge stecke die Notarzt-Versorgung in der Region nicht in der Krise – ein Mainburger Arzt sieht das allerdings anders.
Er hat bereits im vergangenen Sommer Alarm geschlagen: Laut Dominik Treffer, Sprecher der Mainburger Notärzte, steckt die Notarzt-Versorgung in ländlichen Regionen Bayerns in der Krise. Im November scheiterte er mit einer Petition im Landtag. Nun kam Innenminister Joachim Herrmann aber trotzdem nach Mainburg, um sich die Sorgen der Notärzte anzuhören. In Gefahr sieht der CSU-Politiker, anders als Treffer, die Notarzt-Versorgung allerdings nicht.
Dementsprechend hob der Innenminister bei dem Fachgespräch zunächst Positives hervor. 2019, also vor der Corona-Pandemie, erreichte laut Herrmann der Notarzt bayernweit in 92,8 Prozent der Fälle den Einsatzort innerhalb von 15 Minuten, in 98,4 Prozent der Fälle innerhalb von 20 Minuten. „Die Situation ist nicht so, dass die Leute Angst haben müssen“, sagte Herrmann.
Joachim Herrmann: Situation ernst nehmen
„Wir spüren aber, dass sich etwas verändert“, so der Minister. Manches laufe nicht mehr so automatisch, wie vielleicht noch vor zehn Jahren. „Deshalb müssen wir die Situation auch ernst nehmen.“
Herrmann bezog sich damit unter anderem auf die Besetzungsquote der drei Notarztstandorte im Landkreis Kelheim im vergangenen Jahr. Die lag laut ihm in Mainburg, Kelheim und Neustadt im Schnitt nur bei 82 Prozent. Allerdings relativierte der Innenminister auch hier: Es komme schließlich immer jemand − notfalls von einem weiter entfernten Standort.
Dominik Treffer sah das allerdings kritisch. Der Mainburger Notarzt übernimmt jede Woche eine 24-Stunden-Schicht. „Da erlebe ich pro Woche mindestens einen Einsatz, bei dem die ursprüngliche Anfahrtszeit zum Notfallpatienten 20 Minuten deutlich übersteigt.“ Das sei ein Problem, dass man angehen müsse, sagte der Notarzt. Er plädierte darauf, das ganze System kritisch zu hinterfragen: „Können wir noch zu jedem Bluthochdruck den Notarzt hinschicken oder müssen wir dem Notfallsanitäter mehr Kompetenzen zubilligen?“
Notfallsanitäter sollen mehr dürfen
Letztgenannter Aspekt kam immer wieder zur Sprache. Warum nicht den gut ausgebildeten Notfallsanitätern mehr zutrauen? Treffer kritisierte: „Wir sind da in Bayern noch rückschrittlich.“ In anderen Bundesländern, beispielsweise in Schleswig-Holstein, gebe es teilweise fünf mal so viele Maßnahmen, die die Sanitäter ohne einen Notarzt durchführen dürfen, so Treffer.
In die gleiche Kerbe schlug auch Christoph Kühnl, Geschäftsführer des BRK-Kreisverbands Kelheim: „Wir müssen mit der wichtigen Ressource Notarzt zielgerichtet umgehen.“ Er verwies auf die Besetzungsquote von 100 Prozent bei den Notfallsanitätern im Kreis Kelheim 2022. Da komme dann gut ausgebildetes Personal in wenigen Minuten zum Einsatzort, habe nicht genug Befugnisse. „Trauen Sie unseren Leuten was zu“, wandte sich Kühnl direkt an den Innenminister.
Vergütung der Notärzte im Kreis Kelheim zu gering?
Dass das Notarztproblem nur mit mehr Kompetenzzuweisungen an die Notfallsanitäter nicht zu lösen ist, war beim von der CSU-Landtagsabgeordneten Petra Högl organisierten Fachgespräch allerdings allen Teilnehmern klar. Immer wieder wurde auch eine höhere Vergütung für die Bereitschaftsdienste der Notärzte gefordert. Die beläuft sich im Moment auf 25 Euro Bereitschaftspauschale pro Stunde, nachts sowie am Wochenende und feiertags ist es etwas mehr. Dafür muss man in der Rettungswache ausharren. Für einen Einsatz gibt es dann statt der Bereitschaftspauschale 86 Euro pro Patient.
Wer auf dem Land also acht Stunden ohne Einsatz bleibt, bekommt dafür etwas mehr als 200 Euro. Das Vergütungssystem lohnt sich also fast nur für Notärzte in großen Städten. Denn die sind dort während einer Schicht in der Regel nahezu dauerhaft unterwegs.
Es sei wahnsinnig schwer junge Ärzte für den Notarztdienst zu begeistern, wenn sie für eine verantwortungsvolle Aufgabe nicht angemessen bezahlt werden, erklärte Andreas Harrieder, der die Notaufnahme der Mainburger Ilmtalklinik leitet. Man müsse den Notarztdienst finanziell an den Ärztlichen Bereitschaftsdienst der KVB angleichen, forderte der Notarzt.
Für Innenminister Herrmann ist die Vergütungsfrage nicht neu. Er habe sich kürzlich mit Vertretern der AOK und der KVB getroffen, um über das Problem zu diskutieren, teilte er mit. Er sei zuversichtlich, dass in „absehbarer Zeit“ die Bezahlung verbessert werde.
Sebastian Eckert, Politikreferent bei der KVB, plädierte auch für langfristige Ansätze. Es fehle schließlich die „Manpower“, so Eckert. Er schlug vor, Studienbarrieren abzubauen, die Landarztquote stärker auszuschöpfen und mehr Lehrstühle für Allgemeinmedizin einzurichten.
Generationenwechsel steht bevor
Dass eine Investition in den Nachwuchs sinnvoll wäre, zeigen auch andere Zahlen. Dominik Treffer zufolge waren 2020 37 Prozent der Notärzte in Bayern über 50 Jahre alt – die hätten allerdings 55 Prozent der Dienststunden übernommen. Die nachfolgende Generation würde deutlich weniger Dienste machen, so Treffer. „Um einen Notarzt über 50 zu ersetzen, brauchen wir zwei nachkommende Kollegen.“
Work-Life-Balance werde eben immer wichtiger, sagte auch Innenminister Herrmann. Es sei Fakt, „dass sich da was in unserer Gesellschaft verändert“. „Wir haben aber nach wie vor tüchtige Ärzte.“ Mit deren Vorstellungen müsse der Notarztdienst aber zusammenpassen. Daran wolle er arbeiten, erklärte der Minister abschließend.