„Meerblick für 49 Euro“: Von Passau bis Flensburg – das Deutschlandticket im Test

Von Isolde Stöcker-Gietl · 30. April 2023 um 20:38

Am 1. Mai startet das Deutschlandticket. Damit kommt man in 15 Stunden von Passau bis Flensburg – Reporterin Isolde Stöcker-Gietl hat es probiert.

Schiesser Feinripp. Blütenweiß hängen die drei Unterhosen auf der Wäscheleine, flattern sanft im Wind. Aus dem Fenster der Elster Saale Bahn sind sie fast mit den Händen zu packen – so nah kommen sich Gleise und Gärten auf der Linie Hof-Leipzig, irgendwo zwischen Mehlteuer und Loitsch-Hohenleuben. Es ist Mittagszeit und vor mir liegen noch mindestens zehn Stunden Zugfahrt. Ich will testen, ob es möglich ist, an einem Tag das Land von der Grenze im Süden bis zur Grenze im Norden zu bereisen. Also von Passau bis nach Flensburg mit dem Nahverkehr. So, wie es ab Montag mit der Einführung des Deutschlandtickets möglich sein wird. Ein ambitioniertes Ziel, necken die Kollegen. Denn jede Verspätung kann mich stranden lassen. Die Unterhosen verschwinden hinter einer Baumreihe. Wird schon schiefgehen, denke ich.

Der Tag hat nicht mit Reisewetter begonnen. In Passau nieselt es und die Wetter-App zeigt lausige zehn Grad. Um 6.46 Uhr fährt der Regionalexpress Richtung München ab. Ich laufe zum Gleis 6 und wundere mich, dass um diese Uhrzeit schon die Zeugen Jehovas missionieren. Es ist wohl nie zu spät, aber anscheinend auch nie zu früh, die Ungläubigen zu bekehren. Im Zug ist wenig los. Schüler sind unterwegs, ein paar Berufspendler. Die Gespräche drehen sich um Schulaufgaben und das neue iPhone. Durch die Sitzreihen im Großraumwagen zieht der Duft von frischen Brezen. Je weiter nördlich ich komme, desto süßlicher werden die Gerüche aus den Brottüten. Zum Glück packt keiner ein Fischbrötchen aus.

Nach Vilshofen und Osterhofen kommt Plattling – der erste von neun Umstiegen. Sechs Minuten bleiben mir. Da braucht es keinen Sprint. Auch der „Agilis“ Richtung Regensburg ist nur mäßig besetzt. Wird sich das nächste Woche ändern? Als der Zugbegleiter die Fahrscheine kontrolliert, schnellen ihm Schüler- und Jobtickets in Papierform entgegen. Ab Montag werden es Handys sein. Das Deutschlandticket ist digital, allerdings wird mit Chipkarten nachgesteuert.

Marode Bahnhöfe zeigen mangelnde Investitionen

Weiter geht es über Straßkirchen, Straubing, Radldorf: An den Bahnhöfen zeigt sich, wie wenig die Bahn in den vergangenen Jahrzehnten in die Infrastruktur investiert hat. In Radldorf hängen verschlissene Rolläden schief am ehemaligen Fahrdienstleiterhäuschen, das zudem hässliche Graffiti verschandeln. Unkraut hat sich ausgebreitet. Der Warteraum ist verschlossen. So wie an den meisten Bahnhöfen heute. Kindheitserinnerungen kommen hoch. Die hölzernen Bäcke im Wartesaal in meinem Heimatort im Landkreis Regensburg, wo man vor der Schule so schön ratschen konnte. Und obwohl der Bahnhof klein war und nur Bummelzüge hielten, gab es einen Fahrkartenschalter, an dem ein Beamter bedruckte rosafarbene und beige Kartons als Fahrscheine überreichte, die der Zugbegleiter zur Entwertung lochte. Und es gab den Süßigkeitenautomaten, aus dem ich mir nie etwas holen durfte. Vermutlich weil die Gummibären steinhart und die Kaugummis vertrocknet waren. Zumindest die Automaten gibt es noch.

Regensburg: Endlich Gesellschaft!

Wir erreichen Regensburg: Endlich Gesellschaft! Auf Gleis 4 wartet Sophia Weigert, Aktivistin bei Fridays for Future. Das Deutschlandticket findet sie gut, wenngleich sie rügt, dass es zu teuer sei, um allen sozialen Schichten den Zugang zu ermöglichen. „Neun Euro, das wäre das Ziel gewesen.“ Im Stakkato verteilt sie während der Fahrt nach Schwandorf Rügen an die Politik. Das Verständnis, dass das Auto Vorrang habe, müsse abgelegt werden, fordert sie. In der Stadt ist das umzusetzen. Aber was ist mit dem Land? Nach Dietldorf und Hinterschmiding fährt der ÖPNV nicht im S-Bahn-Takt.

In Weiden steigt der passionierte Bahnfahrer Jürgen Mistol zu. Der Regensburger Landtagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen lebt die Verkehrswende – fährt in der Stadt Rad und auf weiten Strecken Zug. Wenngleich auch er sagt: „Auf dem Land ist das nicht so einfach, da muss auch ich bei manchen Terminen auf Car-Sharing zurückgreifen.“ Mistols Großvater war Eisenbahner. Im blauen Anzug werde auch er manchmal mit dem Zugpersonal verwechselt und um Fahrplanauskünfte gebeten, sagt er und lacht. Ein Problem hat er damit nicht. Der Zug sei ein kommunikativer Ort. Für ihn sei es eine geschenkte Stunde, in der er arbeiten oder einfach aus dem Fenster schauen könne. Und politisch betrachtet? Sein Ziel ist es, doppelt so viele Menschen in den öffentlichen Nahverkehr zu bringen.

Mehr unangenehme Situationen für Zugbegleiter

Hof, Feilitzsch, Schönberg. Kleingartensiedlungen, Solarfelder, Windräder und nicht mehr zeitgemäß beschrankte Bahnübergänge ziehen vorbei. Im Triebwagen der Elster Saale Bahn veranstalten zwei schwarzgekleidete junge Frauen mit vielen Piercings und Schmetterlingstattoos eine Ethno-Disko. Mit groovenden Bewegungen verspeisen sie Chips, Schokoriegel und belegte Baguettes, telefonieren dabei unentwegt, während sich ihre Koffer ungesichert in Bewegung setzen. Fluchtmöglichkeiten gibt es in dem Triebwagen nicht. Unter hoher Auslastung kann das rasch eskalieren. Die Zugbegleiter tun mir leid. Sie werden künftig mehr unangenehme Situationen lösen müssen.

Leipzig. Der Kopfbahnhof der sächsischen Stadt ist flächenmäßig der größte Bahnhof Europas. Lukas Iffländer, stellvertretender Vorsitzender des Fahrgastverband Pro Bahn, holt mich ab. Iffländer ist gebürtiger Oberpfälzer, lebt aus beruflichen Gründen in Dresden. Der promovierte IT-Spezialist ist Bahnfahrer aus Überzeugung und zieht zur Bestätigung seine „Bahncard 100“ aus der Tasche. „Gestern war ich zum Kaffeetrinken in Leipzig.“ In der S-Bahn nach Halle an der Saale spricht er die Pünktlichkeit an. „Sie liegt bei über 90 Prozent im Nahverkehr. Da schaut es im Fernverkehr ganz anders aus.“ Stimmt! Noch keine Minute habe ich verloren, musste zu keinem Zug rennen. Ich ahne da noch nicht, dass ich auf der Rückfahrt mit dem ICE in Nürnberg stranden werde. Wegen hoher Verspätung.

Es ist Nachmittag geworden. Sachsen-Anhalt breitet sich vor dem Fenster aus. Langsam spüre ich meinen Nacken und versuche mit allerlei Verrenkungen meine Beine zu entlasten. Für einen Meerblick braucht es Durchhaltevermögen. Schneller ginge es nach Salzburg oder Kufstein – Auslandsziele, die mit dem Deutschlandticket inklusive sind. Auch nach Basel oder Luxemburg kann man ohne zusätzliche Kosten reisen. Mein nächstes Ziel ist aber erst einmal Niedersachsen.

Märchenhafter Bahnhof dank Hundertwasser

Uelzen: Wieder ein Umstieg. Der siebte. Bei der Einfahrt in den Bahnhof bin ich schlagartig hellwach. Das ist ja mal ein Schmuckstück! Die Gleisunterführung hat so gar nichts von einer nüchternen Betonröhre. Pfade, die sich wie durch eine Hügellandschaft schlängeln, ein Wasserfall neben einer Treppe. Und, wie schön: Keine Graffiti! Wer hat sich das ausgedacht? Im Internet lese ich, dass es eines der letzten Hundertwasser-Projekte war. Allein für diesen Bahnhof hat sich die Reise gelohnt!

Entlang von gelb blühenden Rapsfeldern geht es nach Bienenbüttel und Winsen an der Luhe. Der „Metronom“ hat ein ausgefallenes Sitzmuster. Blau und quietschgelb. Als noch die Silberlinge der Deutschen Bundesbahn den Nahverkehr bedienten, waren die Poster aus rotbraunem Kunstleder und hatten einen eigenartigen Geruch, den mein Gehirn bis heute abrufen kann. Vielleicht, so denke ich mir, ist da doch eine Liebe, die ich mit dem Deutschlandticket neu entflammen kann.

„Leider hat der Fernverkehr Vorrang“

Inzwischen fallen mir immer wieder die Augen zu. Die Namen der Bahnhöfe dringen nicht mehr durch, bis mich der Zugbegleiter hochschrecken lässt. Wir stehen. „Leider hat der Fernverkehr Vorrang. Aber gleich geht es mit Vollgas weiter“, intoniert er ins Mikrofon als würde er die „Tagesschau“ vorlesen. Die erste Verspätung. Aber nur zehn Minuten. Der Puffer reicht, um in Hamburg Wasser und Abendessen zu kaufen.

Draußen ist es dunkel geworden. Zu sehen gibt es nichts mehr, auch nicht die Rendsburger Schleife, die auf dem letzten Abschnitt über den Nord-Ostseekanal führt. Es soll ein imposantes Bauwerk sein. Ein Kind döst zusammengekauert auf zwei Sitzen vor sich hin. Eine Schlafposition, die mir vertraut ist. Als Eisenbahnerfamilie haben wir viele Fahrten mit den sogenannte Freifahrtscheinen unternommen. Nach Wien oder Salzburg. Später kam ich bis Rom und Monte Carlo. Das war anstrengend, aber voller bleibender Eindrücke. An keine Autofahrt kann ich mich so gut erinnern. Auch dieses Abenteuer wird hängen bleiben. Um 21.54 Uhr erreicht der Regionalexpress fahrplanmäßig das Ziel. Ich freue mich auf ein Bett und das Fischbrötchen an der Förde. In Flensburg schaukeln übrigens keine weiße Unterhosen im Wind, dafür zigtausende ausrangierte Schuhe.

Lukas Iffländer in Leipzig
Fridays for Future-Aktivistin Sophia steigt in Regensburg zu
Nach Ansicht von Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) bleibt das Auto weiter für viele unverzichtbar. −F.: Kneffel, dpa
Passionierter Bahnfahrer: Landtagsabgeordneter Jürgen Mistol